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Italien-Roadtrip (2/2): Krankenlager in Kampanien, oder: Wenn Reisen schief gehen

von Robert 11. September 2019 0 Kommentare

Unseren ersten Stop auf dem Italien-Roadtrip haben wir in Ost-Ligurien eingelegt, wovon dieser Artikel berichtet.

Mittag und Mittelalter in der Toskana – Ausflug nach Lucca

Nach einem kurzen Plausch mit unserer Vermieterin Valeria, welche so reizend war, uns von ihrer Lieblingsbäckerei frisches Focaccia-Brot zu besorgen, sind wir wieder auf die Piste gegangen. Obwohl es auch in den letzten Tagen schon hier und da durchwachsene Eindrücke gab, haben wir unsere Zeit in Ligurien sehr genossen und können die Region für einen Urlaub durchaus empfehlen. Aber das eigentliche Ziel war ja ein anderes – Kampanien! Wir brechen auf in Richtung Süden. Von Tavarone bis an die Amalfiküste sind es auch immerhin gut über 700 Kilometer. Gehen wir es an.

Zunächst waren jedoch noch zwei Aspekte zu behandeln: Zum einen hatten wir – bis auf die Focaccia – noch nichts weiter gegessen und zum anderen fahren wir mitten durch die Toskana, die möglicherweise schönste Region Italiens (der Welt?). Sollte man sie wirklich so sträflich einfach links liegen lassen? Wir schlagen beide Fliegen mit einer Klappe und entscheiden uns für einen kurzen Ausflug in die niedlich-mittelalterliche kleine Stadt Lucca.

Die Altstadt fasziniert in erster Linie durch ihre imposante Stadtmauer, welche als Wehranlage das Zentrum verteidigt hat. Vor allem aber die durchgängig gepflegte und zeitgenössisch erhaltene Bausubstanz in der Altstadt verströmen ein unglaublich toskanisches Flair. Einfach nur durch die Gassen zu schlendern, das Treiben zu beobachten, die Düfte aus den Restaurants zu riechen und die Gelassenheit zu spüren, ist sehr einladend. Auch ist hier die Touristendichte angenehm gering, da das Städtchen sicher nicht ganz oben auf der Liste Italienreisender stehen dürfte. Für einen Nachmittagsausflug definitiv empfehlenswert!

Apropos Restaurant: Wir waren ja schließlich auch zum Essen gekommen und kehren ein in die nächstbeste Trattoria. Dort lassen wir es uns bei mehreren Gängen gut gehen. Das Highlight: Trüffel-Ravioli in Buttersoße … der Hammer! Ja zu kochen verstehen die Italiener. Auf der anderen Seite des Tisches gibt es Steinpilzpasta. Da alles zwar sehr lecker ist, aber aufgrund der italienischen Menüstruktur für sich genommen nie sehr reichlich, gönnen wir uns noch ein Eis. Schon vorab hatten wir ermittelt, dass es in Lucca eine Filiale der Gelateria Grom gibt, die wir seinerzeit in Rom sehr lieb gewonnen hatten.

Going South – Die Fahrt nach Kampanien

Nach 1-2 schönen Stunden in dem toskanischen Kleinod verlassen wir die Stadt und setzen unsere Fahrt nach Süden fort. Bis auf eine Toilettenpause können wir die Strecke quasi am Stück fahren. Dabei durchqueren wir eine beeindruckende Gewitterfront, die den Himmel in sehr eigenartige Farben taucht – eine Mischung aus Lila, Blau und Orange. Vielleicht ein Zeichen für trouble ahead? Zunehmend troubeliger wird auch der Fahrstil der Italiener, je weiter man nach Süden kommt. Da wird schon mal sehr schnell und dicht aufgefahren und knapp gebremst, um einen zum Rüberfahren zu motivieren – unabhängig davon, ob das überhaupt möglich oder gar sinnvoll ist. Ein gute Gelegenheit, sich darauf einzustellen, was uns verkehrstechnisch in den nächsten Tagen erwartet.

Unbeeindruckt dessen erreichen wir gegen 21 Uhr – und somit schon in der Dunkelheit – die Autobahnabfahrt in Pagani, ca. 30 Kilometer südöstlich von Neapel. Unsere Unterkunft für die nächsten Tage befindet sich aber nicht im dicht (und oftmals illegal) bebauten Tal rund um den Vesuv, sondern – strategisch für unsere Vorhaben günstig gelegen – südlich davon in den Monti Lattari (zu deutsch “Die Milchberge”), einer kleinen Gebirgsgruppe im Hinterland der Amalfiküste. Im dortigen Bergdorf Tramonti haben wir ein AirBnB angemietet. Der Weg dorthin führt zunächst aus dem Tal über eine reizvolle Serpentinenstraße, die zunehmend spektakuläre Ausblicke auf die Millionen Lichter der Städte zwischen hier und dem Vesuv erlaubt.

Ab da werden die Straßen aber zunehmend schmaler, kurviger und der Zustand schlechter. Unsere Unterkunft zu finden, ist dabei eine größere Herausforderung, zumal die Wegbeschreibung nur in Italienisch vorliegt und wir mit Hilfe von Google Translate arbeiten. In dem Gebirgstal mit teils sehr steilen, terrassenartig angelegten Straßen, die oft nicht wesentlich breiter als unser Auto sind, weiß leider auch das Navi nicht immer, wo genau man eigentlich ist. Zudem ist es stockfinster und außer ein paar Hunden niemand mehr auf der Straße. Dennoch haben wir das Objekt gefunden und sind nach 8 Stunden Fahrt endlich am eigentlich Ziel unserer Reise.

In der Unterkunft … und so schnell nicht mehr raus – Der Absturz

Nun ist da sein aber leider noch nicht drin sein. Per Chat hieß es, unser eigentlicher Host sei arbeiten, aber seine Mama ließe uns herein. Leider wird auf unser Klingeln nicht reagiert. Da die Gesamtsituation nahelegt, dass die Familie in einer anderen Wohnung im selben Haus wohnt, bleibt die Möglichkeit, sich Einlass in das Grundstück zu verschaffen und die Gastgeberin zu suchen. Dass es in Süditalien nachts unter Umständen nicht so eine gute Idee ist, in anderen Grundstücken rumzuschleichen, lässt schon die massive Eingangstür zu unserer Wohnung vermuten, die mit diversen Schlössern und dicken Stahlbolzen gesichert ist. Dennoch ist die Maßnahme zu diesem Zeitpunkt alternativlos und wir begeben uns zu der Terrasse der Gastgeberfamilie, die dahinter in der Küche sitzt. Nach einer initial etwas erschrockenen Reaktion konnten wir in sehr gebrochenem Italienisch, mit dem wir hier deutlich weiterkommen als mit Englisch oder Französisch, die Gemüter besänftigen. Ab diesem Zeitpunkt werden wir sehr herzlich begrüßt und in Empfang genommen.

Im Vorfeld hatten wir leichte Bedenken bezüglich der Unterkunft aufgrund von Region und Lage, diese zerstreuten sich aber mit Öffnen der Wohnungstür unmittelbar. Unser Apartment ist TOP-saniert, großzügig ausgestattet und liebevoll eingerichtet. Auch die Sanitäranlagen sind blitzeblank und mehr als modern. Zudem gibt es zwei Klos, ein Umstand, der bald leider noch viel zu wichtig werden würde. Bevor uns die Gastgeberin verlässt, erklärt sie uns noch, dass sie einen Deal mit einem benachbarten Bauernhof (Agriturismo) haben und wir dort kostenlos frühstücken können. Dem Versuch, darzulegen, dass wir relativ lange schlafen, wird mit der liebevollen Sorge entgegnet, wir müssten doch genug essen – ahh die italienische Gastfreundschaft ist immer wieder herzerwärmend :).

Sie weist uns auch als Parkplatz für die “Machina” ein Carport mit Doppelstellplatz zu – ein unglaublicher Luxus in der Region, wie wir noch lernen werden. Nach der langen Fahrt waren aber erstmal andere Dinge entscheidend, in erster Linie die Dusche und das Bett. Schließlich hatten wir in den kommenden Tagen auch sehr viel vor. Wir wollten die Amalfiküste sehen, den Vesuv besteigen, Pompeji bestaunen, nach Neapel fahren, die süditalienische Küche auskosten, vielleicht einen Tagesausflug nach Capri unternehmen. Sooo viele Möglichkeiten und nur eine reichliche Woche Zeit. Es kam anders. Eigentlich hatten wir die Fahrt gut überstanden und beim Gespräch mit der netten Dame ging es uns beiden noch super. Das änderte sich aber zunächst bei meiner Freundin in atemberaubender Geschwindigkeit. Offenkundig hatte irgendwas fatale Auswirkungen auf die Verdauung, einhergehend mit entsprechenden, unangenehmen Konsequenzen.

Was nun? Die Spurensuche beginnt. Ggf. doch einfach nur die Pilze in Lucca nicht vertragen? War es vielleicht auch das abgezapfte Wasser vom Vortag aus Riomaggiore? Oder hat man sich doch auf der Raststätten-Toilette eine Infektion zugezogen? Nach dieser ersten Nacht, die sich teils mehr auf dem Klo als im Bett abgespielt hat, war jedenfalls für sie am nächsten Tag auch nicht daran zu denken, das Bett zu verlassen, geschweige denn das Haus. Mir hingegen ging es nach wie vor super.

Süditalien abseits der Hotspots – Hübsche Berge und hässliche Städte

Da unser Proviant weitgehend während der Fahrt aufgebraucht wurde, musste ich zunächst Nachschub organisieren, in erster Linie in Form von Wasser, Tee und Zwieback. Das war auch eine gute Gelegenheit, sich im notwendigen Umfang mit der Gegend vertraut zu machen, die für die nächste Woche unser Zuhause sein würde. Auch hier sind wir wieder im Dunkeln angekommen und konnten bis jetzt nur sehr eingeschränkte Eindrücke sammeln. Der erste: Tramonti ist ziemlich niedlich. Viele kleine Häuser, terrassenartig an die Berge gebaut, mit vielen, kleinen, verschlungenen Straßen, die die einzelnen Arme des Dorfes miteinander verbinden, dazwischen viel Grün. Der Verkehr im Ort ist auch sehr überschaubar, für die Region keine Selbstverständlichkeit.

Ich begebe mich auf etwa dem gleichen Weg vom Vorabend zurück Richtung Pagani, denn dort gibt es einen großen LIDL. Je größer die Straßen auf dem Weg dorthin werden, desto ambivalenter werden aber auch die Eindrücke. Vieles ist kaputt, das meint nicht nur die Straße als solche, sondern auch Schilder, Strommasten usw. Es liegt unglaublich viel Müll am Straßenrand. Es scheint der Normalzustand zu sein, seinen Hausmüll säckeweise einfach dort zu entsorgen. Straßenhunde, manche niedlich und friedfertig, manche abgemagert, manche auch aggressiv, gehören zum normalen Bild. Wäre die Landschaft nicht prinzipiell sehr schön, um das zu kontrastieren, wäre man relativ schnell bei “Ach du scheiße, wo bin ich denn hier gelandet?!”.

Das Gefühl ist allerdings ein gutes Stück weit in dem Moment wieder verflogen, als ich den Rand der Berge erreicht habe und auf die am Vorabend bereits passierte Serpentinenstraße eingebogen bin. An dieser Stelle hat sich ein atemberaubender Blick auf den Vesuv offenbart. Bestens zu erkennen anhand seiner charakteristisch fehlenden Spitze, liegt er da im Tal an der Mittelmeerküste, friedlich und trotzdem latent gefährlich. Ein gigantischer Ausblick.

Je näher man allerdings Pagani kommt, desto ernüchternder werden die Eindrücke. Alles ist in schlechtem Zustand. Die Gebäude, oft Schwarzbauten, sind entweder nie fertig gestellt wurden oder bröckeln vor sich hin. Der Straßenbelag entspricht der Güte der Autos und auch die Menschen wirken schlecht gelaunt. Hinzu kommt, dass im Meer der angeschrammten, alten, italienischen Kleinwagen immer mal wieder sehr gut gepflegte, aktuelle, deutsche Oberklasselimousinen mit italienischem Kennzeichen aufblitzen, mit gut gekleideten, älteren Herren an Bord. Autos und Fahrer findet man auch vor bzw. in einschlägigen Lokalen am Straßenrand wieder, aus denen heraus man durchaus kritisch beäugt wird, wenn man kein Einheimischer ist. Die Atmosphäre, anders als in unserem gelassenen Bergdorf, wirkt hier eher abweisend – vorsichtig formuliert.

Unabhängig davon habe ich im Supermarkt alles einkaufen können, was für die nächsten Tage nötig sein wird, und trete den Rückweg an in der Erkenntnis, dass man sich in Pagani wohl nur zu Versorgungszwecken aufhalten sollte. Brrrr. Spannend ist durchaus auch die Fahrweise. Tatsächlich sind Regeln eher so Richtlinien, man ist mit “schauen und fahren” besser unterwegs als mit passivem Verlassen auf die Vorschriften. Auch der Zustand so mancher Gefährte sorgt für irgendwas zwischen Verwunderung, Amüsement und “Schnell weg”. Mein Highlight war ein bestimmt 90-Jähriger Italiener in einem ca. 30 Jahre alten Fiat mit selbstgemaltem Kennzeichen, der mit ca. 15 km/h in der 50er-Zone unterwegs war :D.

Theoretisch ja schon schön, aaaabbbeerrrr … – Die Amalfiküste

Meine bessere Hälfte bewegt sich indes immer noch allenfalls zwischen Bett und Bad hin und her, so dass ich neben der Krankenpflege erstmal nicht viel zu tun habe, außer von der Terrasse über die Gärten der Tramontiner hinweg auf die grünen Berge zu schauen. Ein hübscher Anblick, aber für die ganze Woche dann doch etwas eintönig. Ich behelfe mir mit Lesen, Musik, surfen usw. Dieser Zustand hält auch noch einige Tage an, bevor es wieder denkbar ist, dass wir beide in der Lage sind, für zumindest 2-3 Stunden auf sanitäre Einrichtungen zu verzichten. Wir nutzen die Gelegenheit und wagen einen Tagesausflug!

Um die Kräfte zu schonen, sollte es etwas Einfaches sein. Die Amalfiküste wird immer als wunderschön beschrieben, Meer, Sonne, Dolce Vita – das echte Italien, welches wir ja ausgezogen waren zu finden. Die Küste ist von Tramonti aus nur 5 Kilometer die Staatsstraße runter und eigentlich auch einfach zu finden. Eigentlich. Das Navi Professional unseres BMWs schickt uns allerdings winzigste Straßen entlang, die für Fahrzeuge seiner Breite nicht zu passieren sind. Die Rettung kommt in Form einer netten Dame, die unsere Misere erkennt und uns mit ihrem Fiat als Safety Car auf den richtigen Weg geleitet. Grazie mille!

An der Küste angekommen, war der Plan einfach: einen Parkplatz finden, ein bisschen durch die Gegend schlendern, ein nettes Café besuchen, vielleicht an den Stand, etwas relaxen. Das all das nicht nur schwierig wird, sondern fast sogar ein Ding der Unmöglichkeit darstellt, hätten wir nicht gedacht. Eines sei vorweggeschickt: Die Küstenstraße “Strada Statale Amalfitana” ist wunderschön. Zur einen Seite die schroffen Hügel der Monti Lattari, zur anderen das blau glitzernde Meer und dann dieses sonnengewärmte Asphaltband, welches sich geschmeidig dazwischenlegt. Ein Traum.

Leider lässt sich selbiger quasi mit dem eigenen Auto nicht genießen. Wir scheitern schon daran, einen der wenigen Parkplätze zu ergattern. Noch bevor wir überhaupt nachfragen können, weisen schon große Schilder darauf hin, dass alle Parkmöglichkeiten ausgeschöpft sind. Einen Fiat 500 kann man möglicherweise noch am sehr schmalen Straßenrand außerhalb der Ortschaften abstellen, mit einem größeren BMW keine Chance. Ort um Ort fahren wir nach Westen auf der Suche einer Abstellmöglichkeit, vergebens. Dazwischen immer wieder Staus, da die zahlreichen großen Reisebusse nur an wenigen Stellen aneinander vorbei passen und viel Rangierarbeit erforderlich ist. Gepaart mit dem teils recht waghalsigen Fahrstil der Einheimischen wird der entspannte Cruise die Küste entlang eher zur Nervenprobe.

“Der schönste Strand der Region” … ähhmmm wat? – Marina del Cantone

Erst nach weit über einer Stunde ist es uns gelungen, an einem Aussichtspunkt zwischen zwei Orten das Auto mal abzustellen und einen Blick auf die Küste zu werfen. Ok, das mit dem in einem Ort spazieren und Kaffee trinken hat nicht funktioniert … nächster Plan: Strand. Laut Marco Polo ist der schönste Strand in der Region in Marina del Cantone, fast ganz im Westen der Halbinsel von Sorrent. Dort angekommen, macht sich zunächst wieder das Parkplatzproblem bemerkbar. Die einzige augenscheinlich kommerzielle Lösung bestand darin, einem Italiener, der schnell mit dem Versuch dabei war, uns aus dem Fahrzeug zu komplimentieren, den Schlüssel zu geben und ihm das Parken zu überlassen. Hmmmm nein.

In der Folge haben wir in gerade so noch akzeptabler Weise am Straßenrand geparkt. Marina del Cantone gilt als In-Spot und ist wohl auch bei der regionalen High Society sehr beliebt. Nach 5 Minuten ist unser Ersteindruck: “WTF? … Warum?!?”. Der Stand unterteilt sich in mehrere Abschnitte, für die entweder Eintritt bezahlt werden muss – und das mit ~10 € pro Person gar nicht mal im Portokassenbereich – oder aber die “public” sind und dafür mit Bezahlliegen so zugepflastert, dass man ohne kaum ein Plätzchen findet, und wenn dann eines frei ist, hat das meist auch gute Gründe.  Der Strand als solcher besteht darüber hinaus aus groben Steinen und ist bis auf ca. 10 m in seiner kompletten Breite mit Bars und Restaurants bebaut. Das soll jetzt also der idyllischste Strand weit und breit sein, ja? Dann ist es vielleicht gut, dass wir die anderen nicht zu sehen bekommen.

Dürfte in Europa kaum schlimmer gehen – Rushhourverkehr in Süditalien

Auch hier heißt es für uns dann ziemlich schnell wieder “Arrivederci” und weiter. Doch wohin eigentlich?! Entnervt geben wir für den Tag auf und treten die Fahrt zurück ins Apartment an. Nächstes Problem: Aufgrund eines Unfalls o. ä. war die kurze Route über die Küstenstraße nicht passierbar, also mussten wir nördlich der Berge über Angri und Pagani zurückfahren – die hässlichen und dicht bebauten Städte im Speckgürtel Neapels. Klingt in der Theorie nicht so schlimm. In der Praxis hieß das, statt einfach gemütlich an der Küste zurückzurollen, durch den Berufsverkehr (es war etwa 17 Uhr) von mehreren süditalienischen Städten fahren zu müssen.

Ich bin sicherlich in einigen verkehrstechnisch wilden Gegenden gefahren, aber Stadtverkehr in Süditalien … Holy Smokes Batman. Man kann nur auf Sicht fahren und ist sehr gut damit beraten, immer einen gewissen Rundumblick auf Radler und vor allem Rollerfahren zu haben, die sich völlig unbeeindruckt eventueller Hindernisse und Kleinigkeiten wie Gegenverkehr zwischen Spuren und Autos entlang quetschen. Auch sollte man es vermeiden, mit jemandem direkten Augenkontakt zu haben, weil dann hat man ihn ja gesehen und kann ihm Vorfahrt gewähren, unabhängig von der angedachten Regelung.  Highlight war eine gleichrangige Kreuzung, auf die sich aus allen Richtungen Autos aufgestaut haben, soweit das Auge reichte. Es ging NICHTS, klassischer Deadlock. Jeder hat versucht, die Kreuzung zu überqueren, ohne dass die drei anderen und noch etliche Rollerfahrer mittendrin ihm in die Quere kommen. Ein hochspannendes Spektakel, wäre man nicht selber mittendrin. Als wir endlich vorne waren, half nur eines: Einen bösen Blick aufsetzen, Sportmodus und bei der erstbesten Lücke, mit Handzeichen angekündigt, über die Kreuzung stoßen, ohne irgendwen zu rammen, und siehe da – mit einem gewissen Selbstbewusstsein geht vieles, ohne hier leider aber hingegen auch nur sehr wenig.

Über den Berg? Nope, Rollentausch! – Absturz Nummer Zwei

Obwohl die Studie der süditalienischen Fahrgewohnheiten sowohl in sich als auch als Skilltest hochgradig spannend war und ich sagen kann, dass wir das Land kratzerfrei verlassen haben, haben diese 2-3 Stunden Kampf durch den italienischen Verkehr uns den letzten Nerv geraubt. Einfach nur noch nach Hause sollte es gehen. Glücklicherweise kommen wir noch am LIDL vorbei, der sich bereits bewährt hatte (da kann man auch hervorragend parken ;)). So mussten wir bei der Proviantaufstockung keine Kompromisse machen, zumal uns unsere Gastfamilie liebevoll mit Sachen aus dem Garten wie faustgroßen Amalfizitronen oder frischen Tomaten versorgt.

Für mich zumindest, dessen Verdauung immer noch keine Anzeichen von Problemen zeigt, gibt es zum Abendessen daher nur ein paar Supermarktsnack, d.h. hauptsächlich belegtes Brot. Kurz vor dem Schlafengehen dann plötzlich ein Grummeln im Bauch. Hmm wird schon erstmal nichts sein. Doch dann, Durchfall. Fuck. Das war wohl ein schlechter Scherz. Am ersten Tag, an dem es meiner Freundin wieder halbwegs gut ging, fing es bei mir an. Naja, eventuell war es ja nur ein kleines Problem mit dem Essen und gibt sich wieder? Der Gedanke hielt sich für ungefähr eine halbe Stunde, bevor ich mich leider dem unmittelbarem Zwang ausgesetzt sah, aufgrund eines gewaltigen Brechanfalls umgehend wieder das Bad aufzusuchen, welches ich auch so schnell nicht mehr verlassen konnte. Hier war klar … das ist nicht morgen früh wieder ausgestanden. Boy, was für ein Scheißtag (no pun intended ;)).

Die Lage hat sich bei mir auch die nächsten 3-4 Tage nur langsam gebessert – trotz der Zuwendung vom einzigen Apotheker in Tramonti – Dottore Antonio. Meine reizende Begleiterin war zum Glück inzwischen wieder fit genug, um mit mir die Rollen zu tauschen und mich zu pflegen, anstatt gepflegt zu werden.  Tatsächlich war aber an Ausflüge oder Sonstiges nicht zu denken, so dass in den 8 Tagen vor Ort der misslungene Ausflug an die Küste unsere einzige Aktivität geblieben ist. Super Timing, erst der eine, dann der andere krank – vom ersten bis zum letzten Tag. In der Tat ging es mir auch lange nicht so schlecht wie in den Tagen in Tramonti.

Geschlagen den Rückzug antreten – Die Heimfahrt

Tja, das ist dann wohl mal gründlich schief gegangen. Ursprünglich war der Plan, auf dem Rückweg noch ein weiteres Ziel anzusteuern und ggf. noch 2-3 Tage irgendwo zu bleiben, was aber nun wenig Sinn machte, da es auch die Kräfte nicht hergaben. Ich bin zu dem Zeitpunkt nicht einmal fit genug zum Fahren, geschweige denn, um groß noch den Urlaub zu genießen. Daher geht es auf direktem Weg nach Hause, wenn auch nicht in einem Ritt. Auch das lassen die Energiereserven noch nicht zu und zudem wäre es generell für 1.600 Kilometer etwas vermessen. Wir verabschieden uns von der Vermieterin und bedanken uns mit einer Flasche Wein für die sehr familiäre Gastfreundschaft, über alle Sprachbarrieren hinweg.

Anstelle des direkten Heimweges steuern wir den sicheren Hafen Südtirol an, welches auf etwa halber Strecke liegt und uns so wohlvertraut ist, dass wir sicher davon ausgehen können, nicht mit bösen Überraschungen rechnen zu müssen. Nach ca. 9 Stunden Fahrt durch teils sehr hübsche Landstriche und einem äußerst fragwürdigen Mittagessen an einer norditalienischen Autobahnraststätte kommen wir in der kleinen Stadt Auer an. Trotz der fortgeschrittenen Stunde gibt man uns in der Pizzeria Aura auch noch eben eine Pizza. Keine original Pizza Napoli, wie wir sie eigentlich vorhatten zu essen, aber immerhin die benötigte Stärkung. Sehr lecker war sie auch und die erste komplette Mahlzeit, die ich nach 4-5 Tagen wieder zu mir nehmen kann. Ein Hochgenuss nach Tee und Zwieback.

Am nächsten Morgen setzen wir die Fahrt fort. Wir starten Richtung Norden und passieren auf der Brenner-Strecke die österreichische Grenze. Wohlwissend, dass hier die letzte Gelegenheit wartet, ausländische Küche zu genießen, kehren wir in den Gasthof Rieder in Jenbach ein – berühmt für seine Schnitzel. Ein solches verspeisen wir dann auch auf der Terrasse bei blauem Himmel, Bergluft und Alpenpanorama. Ja, hier ist die Welt in Ordnung. Die restliche Fahrt, die ich weiterhin dankenswerterweise auf dem Beifahrersitz verbringen darf, verläuft reibungslos.

Es fühlt sich unvollständig an … – Ein Fazit

Doch Zuhause angekommen, stellte sich natürlich schon die Frage: Was bleibt? So viele Pläne … zumindest Pompeji und den Vesuv hätte man schon mal aus der Nähe sehen wollen. Auf der einen Seite schon sehr ärgerlich, auf der anderen muss man es auch rational betrachten: Gerade auf Reisen kann man immer mal krank werden. Das Timing war jetzt blöd, da wir beide nacheinander außer Gefecht waren und es uns gleich relativ heftig erwischt hat, aber es kommt vor. Dennoch: 4.000 Kilometer zu fahren, um dann eine Woche krank im Bett zu liegen und an die weiße Decke zu starren oder allenfalls noch auf der Terrasse zu sitzen und ins Grüne zu schauen war jetzt wirklich nicht unsere Vorstellung für den Jahresurlaub.

Aber auch hier kann man sich natürlich fragen: “Wer weiß, wofür es gut war?”. Die Region ist auch für hohe Kriminalität bekannt, nicht jede Begegnung war freundlich und manche Situation durchaus zwielichtig. Eventuell war es ja die bessere Alternative, die Zeit überwiegend im Apartment zu verbringen. Dennoch fühlt sich der Aufenthalt unvollständig an. So vieles hatten wir geplant und hätten wir gern gesehen. Es ist gut möglich, dass wir die Region nochmal genauer unter die Lupe nehmen müssten.

In der Retrospektive muss man durchaus auch sagen, obwohl wir ja wirklich gerne im Auto unterwegs sind, war es für die Erkundung der Amalfiküste wahrscheinlich nicht das geeignetste Verkehrsmittel. Bei einem erneuten Besuch würde man wahrscheinlich eher nach Neapel fliegen und dann je nach Aktivität mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sein oder mit einem sehr kleinen Mietwagen, etwa einem Fiat 500. Die Sachen, die wir gesehen haben, haben sehr gespaltene Gefühle hinterlassen. An der Amalfiküste selber ist es zwar sehr schön, aber touristisch auch in der Nachsaison noch derartig überlaufen, dass es schwer fällt, die Schönheit auch zu genießen.

Im Hinterland ist das Bild hingegen desaströs. Es wird dominiert von Müll, bröckelnden Schwarzbauten und schlecht gelaunten Locals. Zudem hat man ab der touristischen Zentren permanent das Gefühl, unwillkommen zu sein. Besonders in Pagani gab es immer Blicke, Gesten, Situationen, die suggeriert haben “Was willst du hier? Pass lieber genauer auf, was du machst.” Es herrscht ein latentes Gefühl des Unbehagens und das Bedürfnis, besondere Vorsicht walten zu lassen. Ein Gefühl, dass ich so in relativ wenigen Gegenden, etwa an der mexikanischen Grenze oder in eher prekär geprägten Städten in Frankreich wie Marseille, hatte und nie so omnipräsent wie in Süditalien. Zugegeben, wir haben eventuell – vielleicht etwas naiv – unterschätzt, dass das Fahren deutscher Luxuslimousinen hier einem anderen Teil der Gesellschaft vorbehalten ist, bei dem man wohl lieber nicht negativ auffallen sollte.

Wir fassen zusammen: Touristen nur so mäßig willkommen, überall vermüllt, sehr fragwürdige Strände und wenn es etwas Schönes zu sehen gibt, sind viel mehr Besucher da, als die Infrastruktur händeln kann. Für einen Entspannungsurlaub können wir die Vesuvregion daher leider wirklich nicht empfehlen. Dennoch gibt es in der Gegend sehr viel Sehenswertes: Neapel, Pompeji, der Vesuvkrater oder auch Capri stehen nach wie vor als unerledigt auf der Liste – wir werden also wohl eines Tages für einen Sightseeingtrip wiederkommen. Bis dahin hoffen wir, dass unser nächster Roadtrip besser läuft und wir auch wirklich on the road sein können und nicht im Bett oder auf Parkplatzsuche ;).

Ci vediamo Campania!

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