Roadtrips

Italien-Roadtrip (1/2): Unterwegs an der grünen Küste Liguriens

von Robert 8. September 2019 0 Kommentare

Sommerverlängerung und Dolce Vita – Die Idee

Ahhhh was klang der Plan gut, den wir im Sommer 2018 gefasst hatten. Der Jahresurlaub stand an und die Ziele waren klar: Entspannung, Sonne und der Genuss des süßen Lebens. Bei “Dolce Vita” denkt man in erster Linie an eine Destination: Bella Italia! So waren die Rahmenbedingungen schnell geklärt. Als “großer” Urlaub sollte es im September für zwei Wochen in den Süden gehen – immer dem Sommer nach.

Italien, klar, warum auch nicht? Mit der Stiefelrepublik verbinden uns schließlich viele schöne Erinnerungen. Schon der Toskana-Aufenthalt zur Sommertour 2012 lieferte unvergessene Momente, genau wie der Städtetrip nach Rom 2015 oder auch der Easterrallye-Chillout in Apulien im gleichen Jahr. Einen hervorragenden Eindruck macht Italien auch schon ganz im Norden. Bei den jährlichen Bergtouren in den Alpen und Dolomiten sowie unserem Urlaub im Etschtal 2017 repräsentierte Südtirol Italien (wenn auch manchmal unfreiwillig) in bestmöglichem Licht.

Diverse weiße Flecken bleiben auf dem Stiefel auf unserer Reisekarte dennoch – beste Voraussetzungen also für einen Roadtrip durch die uns bislang eher unbekannteren Gegenden. Ligurien, die Region an der italienischen Riviera, haben wir bislang nur an der Riviera westlich von Genua kennengelernt. Der Osten ist uns hingegen gänzlich unbekannt. Eine kurze Anrecherche sagt: grünes, hügeliges Hinterland und an der Küste niedliche Fischerörtchen, guter Wein und Meeresfrüchte – Check! Das erste Ziel war also schnell gefunden.

Aber wir wollten noch weiter – ins andere Italien  – den Süden. Obwohl wir schon in vielen italienischen Regionen und auch Großstädten wie Florenz, Bologna, Bari, Rom oder Mailand waren, hatten wir eine Option bislang völlig außen vor gelassen – die Region Kampanien mit ihrer Hauptstadt Neapel. Somit war das perfekte Reiseziel für unser Vorhaben gefunden, Italien besser kennenzulernen und am Meer das vielbeschworene “süße Leben” zu genießen. Oder so zumindest die Theorie …

Komfort, Platz, Leistung: genug aber nicht zu viel – Die Fahrzeugwahl

Naturgemäß muss für einen Roadtrip aber zunächst auch ein passendes Fahrzeug zur Verfügung stehen. Die erste Wahl wäre prinzipiell auf unseren liebgewonnenen Golf VII R gefallen. Die weiße Allzweckwaffe hat uns 2015 und 2017 über etliche Tausend Kilometer Roadtrip auf dem Balkan begleitet und dabei immer eine hervorragende Figur gemacht. Leider lief im Oktober der Leasingvertrag aus und da gerade in Süditalien auch jederzeit mit Fahrzeugschäden zu rechnen ist, die noch rechtzeitig vor Abgabe behoben werden müssten, war hier das Risiko zu groß.

Es bedurfte also einer Alternative. Was wird gebraucht? Genug Leistung für die Alpenüberquerung und Spaß für kurvige Küstenstraßen, ausreichend Reisekomfort für lange Strecken (gepant waren ca. 4.000-5.000 km) und Platz für sperriges Gepäck. Auf der anderen Seite aber auch nicht zu groß für enge Gassen, relativ wendig und auch nicht zu hart. Nach einigem Hin- und Herverhandeln mit dem orangefarbenen Autovermieter unseres Vertrauens ist die Wahl dann auf ein BMW 440i Gran Coupé gefallen. Sicher nicht die schlechteste Wahl. Der souveräne Reihensechszylinder ermöglicht aufgrund seiner Drehmomentstärke auch höhere Geschwindigkeiten bei moderatem Verbrauch und die Größe ist angemessen. Die Preisgestaltung mit knapp 500 € für 2 Wochen ist zudem durchaus vernünftig.

Unser Exemplar glänzt in erster Linie mit seinen hervorragenden Sommerreifen, was leider auch bei 30° keine Selbstverständlichkeit ist. Ansonsten ist die Ausstattung bis auf Navi Pro und HUD recht spärlich. Auch das M-Paket vermissen wir zunächst, das wird sich allerdings später relativieren ;). Alles in allem ist die 3er-Limousine ohne Fensterrahmen genau das, was wir für den Trip in den Süden brauchen. Satteln wir die mit 326 recht zahlreich angetretenen Pferde …

Ab in die grünen Hügel Liguriens – Die erste Etappe

Die rund 1.600 Kilometer von Dresden nach Neapel am Stück zu fahren, kann man möglicherweise machen, empfehlenswert ist es jedoch nicht. Warum sollte man außerdem? Es liegt doch so viel Schönheit links und rechts des Weges. Wie geplant steuern wir als erstes Zwischenziel das Hinterland der ligurischen Küste an. Unsere erste Unterkunft ist ein vorab gebuchtes AirBnB-Apartment in Tavarone, einem winzigen Ort ca. 50 km südöstlich von Genau.

Um unser Ziel zu erreichen gibt es zwei Routen, theoretisch zumindest. Eine der beiden – nämlich die über den Bodensee, Mailand und Genua selbst – ist zum Zeitpunkt unserer Reise aber leider gänzlich unpassierbar. Der Grund dafür war der fatale Einsturz der Morandi-Brücke im August 2018. Diese ist ziemlich genau einen Monat vor unserem Reiseantritt bei einem Sturm in sich zusammengebrochen und mit ihr die A10. Vielleicht das erste, schlechte Omen? Es bleibt also nur noch die uns bereits so vertraute Route über München, Kufstein, Innsbruck, Bozen und Verona.

Immerhin auch noch rund 1.100 Kilometer. Nach dem obligatorischen Sicherheitscheck und dem Beladen des großzügig dimensionierten Reisecoupékofferraums gehen wir on the road und starten gegen Mittag durch. Google prognostiziert eine reine Fahrtzeit von etwa 12 Stunden. Bis auf ein paar notwendige Tankpausen und den üblichen Vignettenspaß kommen wir gut über die Grenze und erreichen am Abend Südtirol, wo auch langsam das Sonnenlicht zur Neige geht. Das ist auf der Autobahn halb so wild, aber ab Parma heißt es für uns: 70 Kilometer stockfinstere, sehr kurvige und zunehmend enger werdende italienische Landstraße von teils sehr fragwürdigem Ausbauzustand.

Das kann man durchaus mit sportlichem Ehrgeiz auch spaßig finden, die Motivation hat allerdings mit 1.000 Kilometern im Nacken dann doch etwas gelitten. Dessen unbeeindruckt kommen wir allerdings gegen 23 Uhr an unserem Apartment an. Hier wirft zunächst noch ein weiteres Probleme seine Schatten voraus – Parkplatzmangel in Kombination mit der Fahrzeugröße. Obschon ein 4er für deutsche Verhältnisse größentechnisch nur zur Mittelklasse gehört, ist er doch deutlich üppiger dimensioniert als der typische italienische Kleinwagen. Mit Zentimeterarbeit bugsieren wir das Viertürencoupé in die kleine Parklücke und können dann endlich in unser Apartment self-einchecken.

Die modern eingerichtete Wohnung erstreckt sich über zwei Etagen und bietet eine gut ausgestattete Küche und vor allem einen sehr beruhigenden Blick auf die Hügellandschaft hinter dem Haus. Wir fühlen uns sofort wohl und es ist schnell klar, dass es sich die nächsten 4 Tage hier gut aushalten lassen wird. Mit rund 30 € pro Person und Nacht auch ein schönes Schnäppchen. Solltet ihr mal nach Tavarone in Ligurien wollen: Das “Casa di Alice” können wir (privat und ohne jede Affiliation ;)) empfehlen! Zugegeben, für all die Annehmlichkeiten haben wir an diesem Abend keine Augen mehr. Nachdem das Gepäck ausgeräumt ist, heißt es ziemlich schnell den Ledersitzschweiß abduschen und dann ins Bett. Buona Notte!

Geradeaus kann jeder – Unterwegs im Hinterland

E buongiorno! Wenn man nach einer langen Fahrt, bei der man möglicherweise noch im Dunkeln ankommt, am nächsten Morgen aufwacht, ist das immer ein spannender Moment. Man sieht zum ersten Mal, wo man eigentlich so “plötzlich” gelandet ist und das sieht zunächst gut aus! Der Schritt auf den Balkon offenbart die saftig-grünen, sanften Hügel des Hinterlandes … und wir mitten drin. Hätte man schlechter treffen können :).

Aber all der hügeligen Schönheit zum Trotz war natürlich eines angesagt: Ab ans Meer! Als schönstes Küstenstädtchen in der Region wird oftmals Santa Margherita Ligure beschrieben, nicht ganz eine Stunde entfernt von uns. Der erste Teil der Strecke führt uns über eine pittoreske Landstraße, die sich in sanften Kurven an die ligurischen Hügel anschmiegt und hinter jeder Ecke einen neuen, schönen Blick auf niedliche Dörfer und kleine Täler offenbart. Zudem ist sie fahrerisch durchaus ansprechend.

Den nicht immer astreinen Straßenzustand (und das ist stellenweise sehr wohlwollend formuliert) steckt unser 4er dank des NICHT-M-Fahrwerks souverän weg, bleibt dabei trotzdem komfortabel und gut kontrollierbar. Manchmal ist eben doch weniger mehr. Der fahrerisch weniger spannende Teil der Strecke führt uns über die A10 in Richtung Genua, an der auffällig viele Brückenbauarbeiten stattfinden. Wir kommen um die Mittagszeit in Santa Margherita an und sind zunächst einmal froh, dass die Stadt über ein modernes Parkhaus verfügt, das weder zu teuer, noch zu eng oder zu voll ist. In Italien – besonders aufgrund der Knappheit von Baugrund in Küstennähe – keine Selbstverständlichkeit.

Sein und Schein dicht beieinander – An der Küste

Nach nur wenigen Gehminuten sind wir direkt am alten Hafen – ein Traum. Der erste Blick ist genau so, wie man sich ein niedliches, italienisches Küstenörtchen vorstellt. Kleine Fischerboote, Cafés, geschäftiges, aber nicht übermäßig hektisches Treiben. Man isst, schaut, genießt … Dolce Vita an jeder Straßenecke. Dem schließen wir uns an und flanieren in aller Ruhe die Promenade entlang, um das Flair einzuatmen und hier und da ein paar Szenen in Fotos festzuhalten.

Soviel Flaniererei macht natürlich aber auch hungrig und schließlich befindet man sich auch im Land mit der möglicherweise besten Küche überhaupt. Bei einer Portion regionalem Auberginenauflauf und frischestem Meeresfrüchtesalat ist die Welt nochmal ein ganzes Stück mehr in Ordnung als ohnehin schon. Ahhh, zum ersten Mal setzt sowas wie Entspannung ein und man fühlt sich trotz der langen Fahrt am Vortag im Urlaub angekommen.

Gut gestärkt, wenn auch ein ganz paar Euro ärmer, beschließen wir, die Küste weiter zu erkunden und bewegen uns am und manchmal über dem Wasser Richtung Süden. Auf der tigullischen Halbinsel befinden sich noch diverse kleinere und größere Orte, die durch einen teils sehr hübschen Wanderweg miteinander verbunden sind. Unser Ziel ist das ehemalige Fischerdorf Portofino, welches heute in erster Linie durch den Jetset bekannt ist.

Auf dem Weg dorthin gibt es immer wieder nette Aussichtspunkte, die einen Blick auf die malerische Küstenlandschaft erlauben. Auch Bademöglichkeiten sind geboten, manche mehr, manche weniger offensichtlich. Jetzt in der Nachsaison muss man – hier zumindest – allerdings nicht mehr groß um einen Platz am Stand kämpfen. Auf etwa der halben Strecke entfernt sich der Weg ein Stück vom Meer und verläuft etwas oberhalb durch die Hügel. Dadurch werden wieder andere Perspektiven wahrnehmbar und auch der Blick auf die beeindruckenden Palazzi frei, die in erster Reihe dem Wasser trotzen.

Aus dieser, leicht erhöhten, Perspektive fällt auch eine Erscheinung nach dem Einbiegen in die kleinen Bucht vor Portofino besonders imposant auf: die Yachten. Während unseres Besuchs sticht dabei zuerst und unmittelbar eine ins Auge – die dezente 77-Meter-Yacht mit dem schlichten Namen Go. Zum damaligen Zeitpunkt war das gute Stück nagelneu und wir haben es noch vor der offiziellen Vorstellung auf der Monaco Yacht Show ablichten können. Der Eigner, der Schweizer Milliardär Hans Peter Wild, dem u. a. Capri Sonne gehört, hat dafür mal eben 90 Millionen US-Dollar hingeblättert. Firmenausgabe, versteht sich und hey: Dazu gibt es immerhin ein in passender Farbe lackiertes Beiboot ;).

Die Go gibt auch einen guten Vorgeschmack darauf, was einen in Portofino erwartet. Edelrestaurant neben Designer-Klamottenladen neben Rolex-Store neben Edelrestaurant – repeat. Echtes Leben scheint in dem kleinen ehemaligen Fischerdorf nicht mehr stattzufinden. Stattdessen fühlen sich die Häuser an wie die Fassaden in einem Freizeitpark. Es dreht sich alles eher ums Sehen und Gesehenwerden. Da darf die Kugel Eis auch mal 7 € kosten oder sämtliche Gullideckel vergoldet sein. Passend dazu gibt es auch keine Autovermietung, sondern einen Yachtverleih. Mieten kann man z. B. die “Lady Kathryn V” – mit 61 Metern etwas kleiner als die Go  – für dezente $ 450.000 pro Woche. Selbstverständlich zuzüglich Kosten für Crew, Sprit und Verpflegung.

Während also in Santa Margherita zwar durchaus gehobene Preise herrschen und Touristen auch erwartet werden, so leben dort zumindest noch “echte” Einwohner. Portofino hingegen ist zwar objektiv betrachtet ein hübsches Örtchen, aber leider völlig zur Kulisse verkommen. Einen Besuch ist es natürlich dennoch wert, besonders wenn man ihn in einen größeren Ausflug die Küste entlang integriert, so wie wir mit unserer kleinen Wanderung.

Schein und Sein liegen an der ligurischen Küste nicht weit auseinander. Dennoch hatten wir einen schönen Tag am Meer, den wir mit einem selbstzubereiteten Mahl mit frischen, italienischen Zutaten und einem guten Glas Wein abrunden, alles von bester Qualität.

Aller guten Dinge sind … Fünf? – Cinque Terre

An unserem zweiten vollen Tag in Ligurien widmen wir uns dem Highlight der Region La Spezia, den “Fünf Dörfern” oder wie sie auf Italienisch heißen: Cinque Terre. Dabei handelt es sich um einen Zusammenschluss von ehemaligen Fischergemeinden, die ihren pittoresken Charme im Digitalzeitalter sehr geschickt vermarkten, um so Touristen anzulocken. Man muss sogar fast sagen ZU geschickt, denn es kommen rund 3 Millionen Besucher pro Jahr – 400 Touristen auf jeden Einwohner.

Schuld daran ist neben der Ernennung der Region zum UNESCO-Weltkulturerbe auch Instagram. Die bunten, auf den Klippen balancierenden Häuser sind – zurecht – ein äußerst beliebtes und einzigartiges Fotomotiv. Ob und wie ein Besuch dennoch funktionieren kann, schauen wir uns an uns stürzen uns in die Touristenmassen. Da für eine Anreise mit dem Auto natürlich nicht genügend Parkplätze zur Verfügung, stehen gibt es hier neben dem Boot zwei Alternativen: Ein Wanderweg, der oberhalb der Dörfer verläuft und sie über teils recht schweres Gelände verbindet. Für Familien mit Kindern und ältere Menschen teilweise ungeeignet.

Die andere Alternative – für die auch wir uns entscheiden – ist der Zug. Wir fahren nach Levanto, westlich der Dörfer. Die Route führt uns über teils sehr abenteuerliche Straße, deren Zustand mit “wellig” nur unzureichend beschrieben ist. Zwischen den beiden Richtungsfahrbahnen herrscht schon mal ein halber Meter Höhenunterschied. Fahrerisch durchaus nicht ohne Reiz, aber eben auch nicht ganz ohne Herausforderung. Wieder sind wir ausnahmsweise dankbar, ohne tiefes M-Fahrwerk unterwegs zu sein ;). In Levanto angekommen, muss als erstes eine Stärkung her! In diesem Zusammenhang sei die Pizzeria La Mela wärmstens empfohlen. Sieht zwar recht imbissig aus, aber die Pizzen sind liebevoll hausgemacht und ein entsprechender Genuss.

Im Ort selbst ist man auf den Cinque-Terre-Tourismus eingestellt und hält große Parkplätze bereit. Außerdem gibt es ein spezielles Zugticket, welches für einen Tag die unbegrenzte Nutzung des Zugs zu und zwischen den Dörfern ermöglicht inklusive Nutzung der Wanderwege, Shuttledienste und sogar WLAN. Pro Person und Tag sind 13 € fällig – ein fairer Preis. Wir erwerben direkt im Bahnhof das Ticket und besteigen den Zug. Dass Cinque Terre im Verhältnis zur Einwohnerzahl zu den meistbesuchten Regionen der Welt gehört, weiß nicht nur unser Reiseführer zu berichten, wir erfahren es auch zeitnah am eigenen Leib, denn der Zug wird zunehmend voll. Sehr voll. Hunderte Touristen aus aller Herren Länder und in Dutzenden Sprachen redend quetschen sich in die Gänge.

Der erste Eindruck zählt?! – In Vernazza

Das ändert sich auch beim ersten Zwischenstopp, dem Dörfchen Vernazza, nicht. Ein scheinbar unermüdlicher Menschenstrom wandert vom Bahnhof in Richtung des Hafens und wir sind mittendrin. Zur Hauptverkehrszeit kurz nach dem Mittag ist an ein freies Bewegen auf den zentralen Straßen nicht zu denken. Eher wird man bewegt.

Der Charme, der die Dörfer weltberühmt gemacht hat, ist dennoch allgegenwärtig. Die bunten, leicht schiefen Häuser, die den Klippen Raum abringen und einander übertrumpfen, um einen noch traumhafteren Ausblick auf das Mittelmeer zu bekommen, sind ein einzigartiger Anblick.

Vom Menschenstrom in den Hafen getragen, sollte man die Gelegenheit nutzen, um kurz zu verschnaufen, denn er stellt in Vernazza die einzige, größere Fläche dar, auf der sich die Besucher etwas verlaufen. Allerdings hält auch dieser Zustand nicht lange an, denn die Dörfer werden nicht nur vom Zug mit Touri-Nachschub versorgt, sondern auch von Ausflugsbooten, die der Reihe nach anlegen und zu Dutzenden abermals neue Gäste in die Stadt befördern. Mir stellt sich die Frage, wie das zur Hochsaison aussehen mag, wenn es noch Mitte September so krass ist.

Der Hafen bietet auch ein bisschen Abstand und somit einen ganz guten Blick in der Totalen. Dabei zeigt sich, dass die Besuchermassen auch der Bausubstanz nicht gut tun. Es wird bei genauerem Hinsehen schnell offenkundig, dass der Pflegegrad der Gebäude hier zu kippen droht. Die Fassaden bröckeln bei näherem Betrachten deutlich über das Maß hinaus, was man unter der typisch italienischen Patina versteht. Wenn man drüber nachdenkt, wird auch durchaus klar, warum. Die Besitzer der Häuser haben nur wenig von den Einnahmen, die fast alle an Restaurants bzw. Läden vor Ort gehen, vor allem aber natürlich an die Reiseveranstalter und Transportunternehmen. So ist oft kein Geld da, um genau das zu erhalten, weswegen die Gäste kommen und dafür viel Geld ausgeben. Paradox.

Die schönsten Perspektiven hat man ein paar Meter entfernt, wenn man die Dörfer in ihrem Facettenreichtum im Ganzen betrachten kann. Dies macht sich am besten vom oben beschriebenen Wanderweg, dessen Benutzung auch im Zugticket inklusive ist. Selbst wenn man nicht wandert, empfiehlt es sich, ihm zumindest ein paar Meter zu folgen, um so schöne Blicke auf die bunten Bauten zu erhaschen. Da sich auch relativ wenige Touris für die Anreise zu Fuß entscheiden, hat man hier oben verhältnismäßig viel Platz und Ruhe – perfekt, um der Hektik für ein paar Momente zu entfliehen. Dies kann man auch in den niedlichen kleinen Nebenstraßen und Gassen, die abseits der Hauptroute liegen und von den meisten Besuchern ignoriert werden. In diesen zeigt sich auch anhand vieler kleiner Details, dass in Vernazza noch echtes Leben ist und die Stadt noch nicht vollends zur Fassade verkommen ist.

Nicht zu schnell urteilen! – Manarola und Riomaggiore

Vielleicht hat Vernazza ja aber auch nur das unglückliche Schicksal, eines der ersten Dörfer auf der Strecke nach La Spezia zu sein und ist so möglicherweise besonders unter Belagerung? Vielleicht ist es ja gar nicht repräsentativ? Wir testen diese These und begeben uns nach Manarola. In der Tat ist es hier menschentechnisch etwas luftiger und auch die Bausubstanz ist deutlich gepflegter. Auch hier empfiehlt sich wieder ein Stück Wanderweg, der nicht nur einen schönen Blick auf den Ort als solchen gewährt, sondern in der anderen Richtung auch auf die traumhafte Mittelmeerküste Liguriens.

Wir stärken uns mit einer leckeren Kugel Eis. Das eigentliche Mittagessen kann man in Cinque Terre zwar einnehmen, aber auch die Restaurants wissen natürlich, dass die wenigsten Gäste wohl morgen wiederkommen werden, insofern bekommt man für die oft gesalzenen Preise in Levanto oder La Spezia wohl deutlich mehr geboten.

Zum Abschluss des Tagesausfluges besuchen wir noch Riomaggiore. Tatsächlich sind wir hier, gemessen an Vernazza und Manarola, zwar nicht unbedingt allein, aber man kann sich immerhin selbstbestimmt durch die Gässchen bewegen, ohne primär geschoben zu werden. Auch gibt es hier tatsächlich noch echte Fischer, die im Hafen seelenruhig ihrer Tätigkeit nachgehen, als würden sie dabei nicht täglich von tausenden Menschen beobachtet. Das Dorfleben wirkt in Riomaggiore am authentischsten. Ein Besuch in den Abendstunden ist zu empfehlen, denn der Sonnenuntergang ist traumhaft. Gerade im September taucht die untergehende Sonne den Ort und das davor liegende Meer in ein milchig-goldendes Licht und lässt die bunten Farben der Fassaden nochmal hell erstrahlen.

Ja, besonders mit diesem Ausklang kann man verstehen, warum die Cinque Terre so ein beliebtes Ziel und auch Fotomotiv sind. Ob die knapp 2 Millionen Bilder auf Instagram und der damit einhergehende Hype jedoch auf Dauer tragbar sind, scheint fragwürdig. Ich bin mir der Ironie bewusst, als Tourist den Tourismus zu kritisieren, dennoch hinterlassen die Menschenmassen, die tagtäglich durch die Straßen getrieben werden, einen sehr faden Beigeschmack. Die kleinen Gemeinden haben sichtbar damit zu kämpfen, das in geordnete Bahnen zu lenken und sollte dies nicht gelingen, wird Cinque Terre wohl mittelfristig zur Fassade verkommen und viel von seinem ursprünglichen Charme verlieren. Eine Reise nach Italien extra für einen Besuch – die viele offenbar tatsächlich so unternehmen – würde ich sicherlich nicht. Ein Tagesausflug, wenn man eh grob in der Region ist, ist aber definitiv eine Empfehlung wert!

Wir haben den Tag sehr genossen, besonders die Abendstunden. Als wir gegen 18:30 das letzte Dorf verlassen, scheinen die AI-Hotelbuffets wohl schon offen gewesen zu sein, denn im scharfen Kontrast zur Anreise sind wir diesmal buchstäblich alleine in unserem Zugabteil. Das gilt auch für den Strand von Levanto, wo wir bei einem Mondscheinbad den Schweiß des Tages abwaschen und uns die verdiente Abkühlung verschaffen. Zudem werfen wir einen letzten unmittelbaren Blick auf die ligurische Küste, denn mit diesem Tag endet auch unser Aufenthalt in der Region.

Ost-Ligurien? Lohnt sich! – Ein Fazit

Obwohl der Aufenthalt an der ligurischen Küste für uns nur ein Zwischenziel auf dem Weg weiter in den Süden sein sollte, hatten wir einen sehr eindrucksreichen Aufenthalt. Die Region hat natürlich auch noch deutlich mehr zu bieten, als das, was wir in der kurzen Zeit entdecken konnten. Obwohl manche Eindrücke – etwa die Glitzerwelt in Portofino oder der Touristenoverkill in den Cinque Terre – einen zumindest zwiespältigen Eindruck hinterlassen, ist die Region als solche wunderschön.

Die niedlichen, oft sehr gut gepflegten, Orte am Meer. Die malerische Küste, die dann ins grün bewachsene, hügelige Hinterland übergeht. Die sanft … manchmal auch gar nicht so sanft … geschwungenen Landstraßen. Ja, hier könnte man sich durchaus mal wieder einen Aufenthalt oder auch einen etwas längeren Urlaub vorstellen. Schließlich bietet insbesondere die Küste noch einige Perlen und auch Genua selbst soll sehr sehenswert sein.

Wir hatten eine schöne Zeit in Ligurien, und auch wenn die ein oder andere Entwicklung einen etwas zwiegespalten zurücklässt, haben wir die dort verbrachten Tage sehr genossen. Wenn wir zu dem Zeitpunkt bereits gewusst hätten, dass das auch die besten des Urlaubs insgesamt werden sollten und dass es danach steil bergab geht, wahrscheinlich noch viel mehr. Oder wir wären möglicherweise einfach dageblieben ;).

Warum das so ist, wie es für uns auf dem Italien-Roadtrip weiterging und was passiert, wenn Reisen schief laufen, lest ihr im zweiten Teil der kleinen Artikelserie ;). Stay tuned …

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