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Review: Mercedes-Benz S 300 L Bluetec Hybrid (W222)

von Uwe 10. Dezember 2014 0 Kommentare

Das aktuelle Modell der Mercedes-Benz S-Klasse – endlich! Wir beginnen unseren lang erwarteten Test mit einem Rundgang um das Fahrzeug als plötzlich etwas Enttäuschung einsetzt. S 300 – Bluetec Hybrid klebt am Heck des Benz.

Ein Vierzylinder-Dieselhybrid?

Wir sind dem Gedanken „der ist doch unfahrbar!“ für einen Moment sehr nah. Immerhin prallt unsere höchstdynamische Lebensart mit den Begriffen „Mercedes-Benz“, „Vierzylinder-Diesel“ und „Hybrid“ zusammen.

Einmal eingestiegen fühlt sich alles anders an. Die Atmosphäre gleicht einem buddhistischen Gebetshaus nach dem Gong. Wir drehen den Schlüssel im Schloss. Nichts passiert, zumindest macht es den Anschein. Die Drehzahlnadel steht noch immer auf 0. Keinerlei Geräusch, absolute Stille.

Mercedes-Benz S-Klasse Tacho Verbrauch

Steigt man sanft aufs Gaspedal, fährt die S-Klasse völlig elektrisch an. Zumindest, wenn man die abgerufene Leistung im möglichen Bereich des Elektromotors (20 kW / 27PS) hält. Insofern man nicht gewillt ist, dem 24PS Trabant mit einem ungläubig westdeutschen Abschiedsgruß hinterherzutrauern, legt man besser ein paar Gramm mehr auf’s rechte Pedal.

Oftmals spürt man den Eingriff des Dieselaggregates nicht einmal. Der Übergang scheint außerordentlich gut gelungen. Einzig der Blick auf das Tachometer schafft Klarheit, ob man gerade mit elektrischer Unterstützung segelt, oder der Ölofen mitschwingt.

Die Werksangabe gibt Daimler mit 4,4 Litern Diesel pro 100 km an. Im Zyklus des ADAC bewies sich der S 300 mit 5,1 Litern. Die beiden Laborwerte waren in unserem Test selbst unter nahezu verkehrsgefährdend idealisierten Bedingungen nicht zu erreichen.

Mercedes-Benz S-Klasse Eco-Anzeige

Im zarten Alltagsbetrieb und unter starker Ausnutzung des überragenden Prestigefaktors auf der Autobahn (Geschwindigkeitsbereich 160-180 km/h, wenn keine Limitierung) lagen wir oftmals zwischen acht und neun Litern. Ein Wert, der keiner Hybridtechnik bedarf und sich etwa 1 – 1,5l über dem Erwartungswert einordnet. Hier hilft auch der sehr niedrige cw-Wert von nur 0,24 nicht ausreichend. Abhilfe könnte jedoch die bereits in der E-Klasse verwendete 9G-TRONIC schaffen, denn zum Leidwesen werden in der S-Klasse aktuell nur sieben Gänge angeboten.

Mercedes-Benz S300 Hybrid Heck

Also liebe Daimler-Ingenieure: Da geht nochwas, oder?

Die Bedienung

Für Ungeübte scheint das Daimlersystem umständlich und komplex. Man hat das Gefühl, auch an einem Testwochenende noch nicht alle Einstellmöglichkeiten erreicht zu haben. Spätestens bei der freundlichen Bitte: „Änderst Du eben mal die Beduftung? Mir ist gerade mehr nach Lavendel.“, gibt der durchschnittliche Beifahrer auf. Derart viele Einstellmöglichkeiten sind keine schlechte Eigenschaft, müssen aber mit umso besserer Struktur einhergehen.

Mercedes-Benz S-Klasse W222 Cockpit

Die Innovationen

Im Gegenteil – die Möglichkeiten in der S-Klasse sind einzigartig. Beginnend bei der 360°-Ansicht, über die Flächenheizung bis hin zur parfümisierten und ionisierten Innenraumluft. Am Beispiel der Kameradichte lässt sich sehr gut zeigen, wie sich die Fahrerassistenz weiterentwickelt. Der letzte Modellwechsel der S-Klasse ist neun Jahre her. Eine Zeitspanne, in welcher  bei Continental (die Assistenzsysteme werden zum Großteil outsourced) einige Projekte fertiggestellt wurden.

Als Sonderausstattung wird in der S-Klasse die sogenannte Stereokamera angeboten, die den meisten Assistenzsystemen eine neue Dimension ermöglicht. Beide Kameras blicken mit einem 20 Zentimeter versetzten Abstand durch die Frontscheibe. Abstände nach vorn können so, statt bisher geschätzt, genau berechnet werden. Diese präzisen Daten helfen den Assistenzsystemen, wie zum Beispiel dem Bremsassistenten, klarere und verzögerungsfrei Entscheidungen zu treffen. Zu spüren ist das am deutlichsten, zumindest wenn man den gefährlichen Teil ausblendet, beim „teilautonomen“ Fahren. Der Fahrer kann sich bis 60km/h zurücklehnen – die S-Klasse übernimmt.

Mercedes-Benz S-Klasse Ambiente

Die Leidenschaft?

Nicht im Sound. Nicht in den Emotionen. Ganz bestimmt nicht. Sie steckt im Detail. Und das merkt man! Das Geräuschniveau gehört wahrscheinlich zum Besten, was derzeit auf vier Rädern rollt. Das Anheben der Stimme ist bis 200km/h nicht nötig. Das Gefühl für Geschwindigkeit ist völlig verloren. Ist man innerorts bei wenig Verkehr unaufmerksam, hupt einen der Hintermann zügig wieder zurück in die Realität, wenn man mit 40 durch die Ortschaft siecht. Einige Stunden später ertappt man sich, im Bereich des Fahrverbots zu gleiten. Dieser Grat an Perfektion ist es, der die S-Klasse von 7er und A8 tatsächlich unterscheidet – es ist die Leidenschaft.

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Der herbe Rückschlag

Keine 24h alt, keine 500km gelaufen – und schon der erste Werkstattaufenthalt. Der Albtraum eines jeden Herstellers. Nach der halbjährlichen Gebisskontrolle, steigen wir am Morgen in den Benz. Ein „Bling“ ertönt, wir ahnen Böses. „Lenkhilfe ausgefallen“ – puh, nochmal Glück gehabt, dachten wir. „Bestimmt nur ein Assistent!“, schallt es durch den Innenraum. Weit gefehlt – im Daimlerdeutsch steht das für die elektrische Lenkunterstützung. Wer schon einmal einen alten Polo ohne Servolenkung gefahren ist, erinnert sich vielleicht. Mit so einem Dickschiff hat das Lachen allerdings ein Ende. Richtig uncool wird es, wenn Du beim Linksabbiegen zurückstoßen musst. Da bleibt es nur, den zweifelnden Gesichtern entgegen zu winken und sich schnell vom auftretenden Verkehrschaos zu verziehen – ab in die Werkstatt!

Mercedes-Benz S-Klasse in der Werkstatt

Schon beim nächsten Neustart trat das Problem nicht mehr auf. Das Diagnosegerät sollte allerdings Klarheit schaffen. Es dauerte einige Zeit, bis das Problem auf den Werkstattmeister und drei seiner Kollegen eskaliert war. Das Ergebnis dementsprechend fatal. Man dürfe die Reparatur in dieser Niederlassung nicht vornehmen, da es sich um einen Hybriden handele. Ungefähre Dauer der Maßnahme: drei Wochen. Aufwand im fünfstelligen Bereich, denn die komplette Lenkung, die auch in der Hybridtechnik hängt, müsse getauscht werden. Der Verlust der Lenkhilfe könne in diesem Zustand jederzeit wieder auftreten – auch während der Fahrt.

Mercedes-Benz S-Klasse von vorn

Das Fazit

Der S 300 Dieselhybrid ist eine interessante Möglichkeit und ein Blick in die Zukunft. Würden wir diese Motorisierung wählen? Wohl eher nicht. Der Griff zum preisidentischen Sechszylinder erscheint uns als der sichere. Steht der Preis weniger im Vordergrund, wäre ein Benziner ab dem 500er die Empfehlung.

Mercedes-Benz S-Klasse Front

Die aktuelle S-Klasse setzt in Sachen Fahrerassistenz, Sicherheit und Fahrkomfort Maßstäbe. Ein starker Dieselmotor und die hauseigene 9G-TRONIC lassen jedoch noch Raum für Verbesserungen bis zur Modellpflege.

Ist die S-Klasse die beste Luxuslimousine der Welt? Nun, das kommt ganz drauf an. Sie ist ein Fanal der Entspannung, so souverän wie möglich, gleichzeitig nicht zu konservativ. Trotz High-End Technik bleibt sie klassisch genug, die Ablenkung des Fahrers minimal zu halten und fährt damit der Konkurrenz davon.

Mercedes-Benz S-Klasse W222 Seitenlinie

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