Sommertour 2015Roadtrips

Tag 9: Vom Krieg vernarbt – Bosnien und Herzegowina

von Robert 2. Oktober 2015 0 Kommentare

Anreise und Einreise

Eigentlich sollte es ein abenteuerlicher Tag werden. Nachdem wir auf dem Weg nach Dubrovnik bereits kurz Bosnien, oder genauer gesagt Herzegowina, bereist und uns im Vorfeld natürlich auch informiert hatten, verfestigte sich unser Plan, den Balkanstaat nochmal genauer und authentischer unter die Lupe zu nehmen, als man ihn am kleinen Küstenstreifen rund um Neum erlebt.

Die größte und, so sagen viele, auch schönste Stadt im südlichen Teil des Landes ist Mostar – etwa 100km weit weg und damit in bequemer Tagesausflugsentfernung von Drvenik. Noch relativ gut gelaunt machen wir uns auf den Weg, immer entlang des Flusses Neretva. Bald passieren wir den Grenzübergang bei Metkovic. Das Procedere ist ähnlich unkompliziert wie bei Neum, auch wenn der Übergang an sich deutlich kleiner und provinzieller wirkt. Ein junger Grenzer nimmt uns und unsere Ausweisdokumente in Augenschein – ich bekomme sogar einen Stempel in meinen Reisepass. Danach haben wir freie Fahrt ins neue Unbekannte.

An dieser Stelle noch ein redaktioneller Hinweis: Die Fotoqualität bei diesem Artikel ist deutlich niedriger als es normalerweise unserem Standard entspricht. Das liegt daran, dass wir bei diesem Ausflug bewusst größtenteils auf den Einsatz von Spiegelreflexkameras verzichtet haben. Zum einen wird man hier zurecht sehr kritisch beäugt, wenn man sich offen als „reicher Westeuropäer“ zu erkennen gibt und zum anderen wollten wir jeden Anschein von Katastrophentourismus – von dem wir uns ausdrücklich distanzieren – vermeiden. Das Material erfüllt daher rein dokumentarische Zwecke und entstammt GoPro-Videos und Smartphone-Bildern.

Längst nicht verheilt – das Landesinnere

Zunächst unterscheidet sich das Landschaftsbild nur in Details von dem im südöstlichen Teil Kroatiens. Als erstes fällt ins Auge, dass sich zu den zahlreichen christlichen Kirchen auch Moscheen gesellen. Etwa die Hälfte der Bevölkerung ist – für europäische Verhältnisse eher ungewöhnlich – muslimischen Glaubens. Natürlich hat man als Zentraleuropäer Moscheen und Minarette schon in Büchern, Filmen oder vereinzelt auch in manch heimischer Großstadt gesehen, aber in dieser Dichte war es doch ein neues Erlebnis.

Moschee in Herzegowina

Wenn man weiter landeinwärts fährt, werden die Narben, die das Land unübersehbar hat, größer. Es beginnt bei leicht dubiosen Gebäuden mit Kampfspuren und „Tito“-Graffitis, deren Funktion überall zwischen Flakturm und Getreidesilo liegen kann und sich auch bei näherem Hinsehen nicht wirklich erschließt. Außerdem wird der Straßenrand unentwegt von zerfallenen, verlassenen und teilweise auch zerstörten Häusern gesäumt.

Während sich bis dato noch vieles mit natürlichem Verfall oder balkantypischer Sorglosigkeit im Umgang mit Immobilien erklären lässt, werden die Zeichen sehr viel deutlicher, je tiefer man ins Landesinnere vordringt. Schon kurz nach Passieren der Stadtgrenze werden die Gründe für die vielerorts vorherschende Zerstörung auf drastische Art und Weise deutlich.

Zerstörtes Straßenschild in Mostar

Viele Straßen und Fassaden weisen ganz offenbar Einschuss- bzw. Granatsplitterlöcher auf, die Infrastruktur ist nur in Teilen intakt und man muss in den damals stark umkämpften Regionen, zu denen auch Mostar gehört, damit rechnen, dass man sich erheblichen Gefahren durch unberäumte Minenfelder oder nicht explodierte Munition aussetzt, wenn man die offiziellen Wege verlässt.

Spätestens an diesem Punkt war es mit der Abenteuerlust als solcher vorbei und die Urlaubsstimmung wich einer melancholischen Nachdenklichkeit. Wenn einem klar wird, dass genau an der Stelle, an der man sich gerade befindet, vor gerade mal zwei Jahrzehnten, als man selber mit nicht mal 10 Jahren im elterlichen Garten gespielt hat, Leute in Europa vor Mörsergranaten um ihr Leben gerannt sind, verändert sich der Blick auf die Dinge.

zerstörtes Gebäude in der Innenstadt von Mostar

Zwischen Abriss und Aufbruch

Wenn man von der allgegenwärtigen Zerstörung absieht, hätte Mostar ja durchaus das Potenzial, eine ansehnliche Stadt zu sein bzw. hoffentlich auch irgendwann wieder zu werden. In einem Talkessel, der von der rau-schönen Neretva durchflossen wird, liegt Mostar eigentlich recht idyllisch. Durch diese Lage ist das Klima auch sehr mediterran – die Stadt zählt zu den wärmsten in ganz Europa.

Neretva in Mostar

Man hat auch den Eindruck, dass eine gewisse Aufbruchstimmung, ein gewisser Optimismus herrscht. An vielen Stellen wird Altes abgerissen und Neues gebaut. Geparkt haben wir in einem der modernsten Einkaufszentren, dass ich je gesehen habe – der „Mepas Mall“. Neu, riesig und sauber – und keine 100 Meter von einem restlos ausgebombten Hotel entfernt, ähnlich wie diesem, in das offenbar seinerzeit auch größere Kaliber eingeschlagen sind:

Zerstörtes Hotel in Mostar

Wo wir gerade beim Einkaufen sind: Hoch im Kurs stehen hier deutsche Marken und Produkte, und nicht nur Marken, sondern auch die gute alte Mark! Ja tatsächlich wird hier mit der sogenannten „Konvertiblen Mark„, die 1998 die drei (!) bis dato üblichen Währungen des Landes abgelöst hat, bezahlt. Die KM war 1:1 an die gute alte D-Mark gekoppelt. Heute ist sie im gleichen Verhältnis wie damals unsere Mark an den Euro gekoppelt, d.h. 1 EUR = 1,95583 KM … oder in der Praxis 1:2, wobei sowohl Euro als auch kroatische Kuna meist anstandslos akzeptiert werden.

In der Mepas Mall, Mostar

Das Preisniveau ist natürlich deutlich niedriger als in den EU-Ländern. Nur ein kleines Beispiel: Während wir in Dubrovnik für eine Stunde Parken knapp 6€ bezahlt haben, waren es hier nicht einmal 50 Cent. Das verwundert allerdings auch nicht, wenn man beachtet, dass das Land zu den ärmsten Europas gehört und sich im Human Development Index noch hinter Ländern wie Kasachstan, der Ukraine oder dem Kosovo einreiht.

Dennoch spürt man, neben einer natürlichen Skepsis, auch einen vorsichtigen Optimismus in der Bevölkerung. Man ist sichtbar bemüht, das Land so gut wie möglich wieder aufzubauen, nach vorne zu sehen und den Krieg hinter sich zu lassen, auch wenn dies an vielen Stellen nur mit kleinen Schritten voran gehen kann.

teilrenoviertes Gebäude in der Innenstadt von Mostar

Der Tourismusmagnet – Die historische Altstadt

Nach dem sehr nachdenklich stimmenden ersten Eindruck von Land und Stadt haben wir uns weiter in Richtung historisches Stadtzentrum begeben. Die Altstadt von Mostar ist in mehrerlei Hinsicht beeindruckend. Zum einen ist die Zerstörung zwar am Rand zu sehen, und das deutlich:

Zerstörtes Haus in der Altstadt von Mostar

… aber kaum drei Meter weiter, erstreckt sich auf einmal der Stadtkern in einem mittelalterlichen Flair, das so mancher zentraleuropäischen Stadt ob der teils hässlich-verbauten Zentren Neid und Respekt abringen würde. Alles top gepflegt und liebevoll restauriert, von Kriegsschäden nahezu keine Spur. Man muss sich direkt nochmal umdrehen und schauen, ob man tatsächlich noch in derselben Stadt ist.

Gasse in der Altstadt von Mostar

Zum anderen wird insbesondere hier, wo man am ehesten dazu verleitet wird, durch Konsum und Sightseeing die Schrecken des Krieges zu vergessen, am intensivsten dazu angemahnt, genau dies nicht zu tun und zeitgleich eingefordert, sich mit der Materie mit dem entsprechenden Respekt und der gebotenen Differenziertheit auseinanderzusetzen.

Dennoch ist die Altstadt wunderschön und bildet die Grundlage der jungen, aber aufstrebenden Tourismusindustrie in Mostar. Ein Souvenirladen reiht sich an den nächsten, immer mal unterbrochen von Cafes, Bars und Restaurants, das ganze eingerahmt von mittelalterlicher Atmosphäre und Jahrhunderte alten Backsteinen – alles entlang der malerischen Ufer der Neretva.

Der eigentliche Star hier ist jedoch – und das völlig zurecht – die „Stari Most“ (alte Brücke), die der Stadt sowohl Charakter als auch Namen verleiht. Die originale Brücke wurde Mitte des 16. Jahrhunderts errichtet und am 9. November 1993 durch den kroatischen Verteidigungsrat als taktische Maßnahme innerhalb des Bosnienkrieges gesprengt – ein Verbrechen, (u.a.) für das der Strafgerichtshof in Den Haag die Verantwortlichen zu langjährigen Haftstrafen verurteilt hat. Bereits ab 1995 wurde die Brücke mit breiter Unterstützung der Türkei, der Weltbank und der UNESCO, die das Bauwerk zum Welterbe erklärte, wieder aufgebaut.

Stari most - alte Brücke in Mostar

Berühmt ist die Brücke auch für ihre Springer – junge Bosnier, die gegen ein Taschengeld den waghalsigen Absprung vom höchsten Punkt ins eiskalte Wasser wagen. Für viele Männer ist dies sogar zum Beruf geworden – nicht zuletzt auch, weil die schwache Wirtschaft für eine Jugendarbeitslosigkeit um die 50% sorgt.

Die lokale Küche

Um neben den ganzen zwiespältigen Eindrücken noch etwas Positives zu erleben, beschäftigen wir uns – wie so oft auf unseren Reisen – auch mit der lokalen Kochkunst. Einheimische Spezialitäten zu probieren ist ein super Weg, um die Kultur kennenzulernen und zu erleben. Essen verbindet alle Menschen, aber die Ausprägungen könnten kaum verschiedener sein.

Wir lassen uns in der Altstadt bei „Irma Tima“ nieder und studieren die Karte. Schnell wird klar: Vegetarier oder gar Veganer werden hier nicht glücklich, denn die Auswahl brodelt vor Fleisch gerade so über – natürlich vorwiegend von Kuh, Lamm und Hühnchen, kein Schwein.

Speisekarte von Irma Tima in Mostar, Bosnien

Das hört sich alles ziemlich gut an! Wir entscheiden uns für den kleinen Fleischteller, bzw. ich mich für Kalb, mit Käse gefüllt, Käse überbacken und Käse garniert … erwähnte ich den Käse? Oh yeah!

Beides war garniert mit landestypischem Gemüse (Gurken, Tomaten, Kraut, Salat …) und leckerem Pita-Brot. Die Qualität war durchgängig hervorragend (bosnische Hausmannskost) und geschmacklich ebenfalls eine Offenbarung. Viel besser kann man Fleisch wohl nicht zubereiten. Fast schon peinlich war uns die Rechnung, denn für die beiden Riesenportionen inklusive Getränken wollte die freundliche Wirtin nicht mal 15€ von uns, hier in der exklusivsten Gegend Mostars.

Wir haben uns für hervorragende Küche und zuvorkommenden Service mit 3€ Trinkgeld bedankt, wofür sich die Wirtin im Umkehrschluss wieder überschwänglich bedankte und uns noch ein bosnisches Bier mit auf den Weg gab. Auch das sagt viel über das Preisniveau im Land aus. Essen in Bosnien? Wer Fleisch mag, wird die hiesige Küche lieben!

Mostarsko Pivo Bier in Mostar

Versuch eines Fazits

Mit vollem Magen, aber sehr gespaltenen Gefühlen begeben wir uns zurück Richtung Parkplatz. Im ganzen Land herrscht eine sehr merkwürdige Stimmung. Vieles wirkt absolut bedrückend, manches geradewegs depremierend. Dazwischen mischen sich aber immer wieder Aufbruchstimmung und Optimismus. Die Leute sind unglaublich (gast)freundlich und das inzwischen meist sehr friedliche Miteinander unterschiedlichster Kulturen beeindruckt.

Ebenfalls sehr beeindruckend ist der Umgang mit der eigenen Vergangenheit. Die Auswirkungen des Krieges sind auch 20 Jahre später noch allgegenwärtig und unübersehbar. Dennoch haben die Menschen hier Wege gefunden, um pragmatisch damit umzugehen. Dies illustriert auch ein kleines Souvenir gut, dass ich (eigentlich atypsicher Weise) erworben haben. Aus alten Munitionshülsen und ähnlichem werden hier kleine Kunstwerke gefertigt oder einfach auch nur Alltagsgegenstände wie Stifte. Ich finde, das symbolisiert gut den Geist hier.

Man ist sich einer Vergangenheit bewusst, schaut aber gleichzeitig in die Zukunft, indem man aus eigentlich schrecklichen Dingen versucht, etwas Nützliches zu erschaffen. Und letztenendes ist es auch ein Symbol dafür, dass die Feder unterm Strich doch mächtiger ist als das Schwert.

Kugelschreiber aus Munitionshülse in Mostar

Letztlich stellt sich die Frage: Empfiehlt es sich, nach Bosnien und Herzegowina zu reisen? Das muss jeder mit sich selbst ausmachen. Das Land an sich ist sehr schön und sich mit der europäischen Geschichte auseinanderzusetzen prinzipiell lohnenswert. Allerdings wird man auch mit Eindrücken in Berührung kommen, die mit einem typischen Entspannungs- oder Entdeckungsurlaub nichts zu tun haben.

Dennoch ist es – insbesondere für politisch und/oder zeitgeschichtlich interessierte Menschen – eine lohnende Erfahrung und eine, die zum Nachdenken anregt. Mit den Impressionen hier bekommt man, wenn natürlich auch nur in kleinen Bruchstücken, einen Einblick, wie sich Menschen in anderen Teilen der Erde so fühlen müssen. Daher wäre eine Reise in das Land wohl vor allem für Menschen zu empfehlen, deren geistiger Horizont sonst höchstens bis zur Grenze des eigenen Vorgartens reicht, auch um zu erfahren wie hier mit Themen umgegangen wird, die uns in Deutschland derzeit stark bewegen.

Refugees Welcome Bosnia

Reiseroute:

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