Kurztrips

Kurztrip: Ein Wochenende im lettischen Winter – drei Tage Riga

von Robert 29. Februar 2016 0 Kommentare

Ahh der erste Tag des neuen Jahres. Mit einigen Nachwirkungen der langen und recht feucht-fröhlichen Silvesternacht (und nach einem ausführlichen Frühstück) ziehen wir aus, die lettische Landeshauptstadt zu erkunden. Wir haben drei Tage Zeit, um Eindrücke zu sammeln und Riga kennenzulernen. Let’s go.

Sauber, bunt und lustig – Der erste Überblick

Wir verlassen das Hotel mit Ziel historisches Zentrum, ca. 1,5km entfernt. Auf den ersten Metern fällt schnell auf, dass die letzte Nacht nicht nur bei uns ihre Spuren hinterlassen hat, sondern auch in der Stadt. An der ein oder anderen Ecke finden sich deutliche Anzeichen des bunten Silvestertreibens ;).

Unsere Route stellt sich schnell als ziemlich interessant heraus, maßgeblich aus zwei Gründen. Zum einen ist Riga eine der Städte mit der größten Jugendstil-Bausubstanz weltweit. Die Bauten sind detailverliebt restauriert und gepflegt und vermitteln mit ihren bunten Fassaden selbst an grauen Tagen einen fröhlichen, ja fast schon verspielten, Eindruck.

Jugendstil in Riga

Ein anderes architektonisches Schmankerl sind die typischen lettischen Holzhäuser, die besonders in den Vorstädten bzw. Außenbezirken Rigas stehen, aber auch hier und da im Zentrum, etwas außerhalb der Altstadt. Leider sind sie oftmals unbewohnt und/oder in schlechtem Zustand, da die Kosten einer denkmalgerechten Restaurierung oft die Möglichkeiten der Besitzer übersteigen.

typisch lettisches Holzhaus

Zum anderen ist Riga eine relativ offene und grüne Stadt. So verläuft unser Weg in die Altstadt durch den Kronvaldspark und entlang des Stadtkanals. Zugegeben, um diese Jahreszeit ist beides nicht übermäßig frequentiert, aber die Parks sorgen für eine luftige Atmosphäre und laden im Sommer sicherlich zum Verweilen und Entspannen ein.

Interessant ist auch die Technikbegeisterung im Baltikum. Die Region wird ja ein bisschen als das heimliche Silicon Valley Europas gehandelt und nicht nur Estland, sondern auch Lettland machen da ihrem Ruf alle Ehre. So ist Riga mit quasi flächendeckendem, kostenlosem WLAN ausgestattet und glänzt als „WLAN-Hauptstadt Europas“ mit den meisten Hotspots pro Quadratkilometer – selbst im Park.

Was ansonsten noch auffällt, ist das abermals klirrend-kalte Wetter. Mit Temperaturen um die -20°C wird man als Zentraleuropäer zwar fertig, aber angenehm ist es nicht. Jeder Fehler beim Anziehen wird sofort bestraft, indem die Kälte durch jede noch so kleine Ritze kriecht und unmissverständlich auf sich aufmerksam macht.

Dick eingepackt in Riga

Die Rigenser selbst gehen mit der Situation natürlich etwas routinierter und vor allem auch gelassener um – wenn auch jeder auf seine Weise. Die Strategien sind dabei mannigfaltig – von kreativer Kleidung über Bewegung bis hin zum schlichten Ignorieren ist alles dabei. Natürlich spielt auch der Alkohol eine gewisse Rolle, aber dazu später mehr.

Ein paar Worte zum Verkehr …

Riga ist für eine europäische Hauptstadt relativ klein und kompakt gebaut. Die meisten Wege können recht schnell und einfach zu Fuß zurückgelegt werden. Dies gilt insbesondere für die historische Altstadt, die mit einem Durchmesser von ca. einem Kilometer sehr überschaubar ist.

Wenn man auch die umliegenden Viertel oder das andere Ufer der Düna (lettisch Daugava) entdecken will, empfiehlt es sich möglicherweise, auch auf eines der zahlreichen Leihfahrradangebote zurückzugreifen. Interessanterweise ist einer der Anbieter ein alter Bekannter, allerdings eigentlich auf einem anderen Feld ;).

Rent a bike Sixt Riga

Eine weitere Alternative bildet die traditionelle Straßenbahn der Stadt („Rīgas satiksme“). Das Straßenbahnnetz wurde bereits 1882 in Betrieb genommen. Die neun Linien verbinden auf insgesamt knapp 100km die verschiedenen Bezirke der Stadt miteinander. Die Straßenbahnen werden durch (Omni)busse ergänzt. Die Kosten hierfür sind überschaubar – die einfache Fahrt kostet knapp über einen Euro.

Straßenbahn Riga (Rīgas satiksme)

Für weitere Strecken (etwa zum Flughafen) empfiehlt sich dann aber doch eher ein Taxi. Die Taxis sind in Riga schnell und an vielen Stellen verfügbar. In unseren Fällen waren die Taxifahrer immer sehr freundlich und sprachen sogar teilweise Deutsch, das viele Letten in der Schule lernen. Durchaus interessant zu sehen ist auch, wie ein routinierter lettischer Taxifahrer mit den (an manchen Tagen) Unmengen an Schnee umgeht, sehr unterhaltsam :D. Für die 10km zwischen Innenstadt und Flughafen werden etwa 10-12€ fällig.

Taxi in Riga

Klein aber oho – die Altstadt

Das historische Zentrum ist zweifelsohne die wichtigste und größte Attraktion. Die Pflastersteinstraßen, die liebevoll gepflegte, jahrhundertealte Bausubstanz und die stilvolle Winterdeko verströmen eine herrlich-mittelalterliche Atmosphäre.

Dazu tragen auch die zahlreichen Kirchen bei, die man in Hansestädten wie Riga häufig findet. Insgesamt gibt es in der kleinen Stadt etwa 40 davon – denn jede Gilde und jede Bevölkerungsschicht wollte ja ihre eigene. Besonders beeindruckend ist dabei die Petrikirche.

Petrikirche in Riga zur blauen Stunde

Über die dutzenden Kirchen wacht in seiner Altehrwürdigkeit der Dom zu Riga, der gleichzeitig die größte Kirche im gesamten Baltikum ist. Beeindruckend erhebt er sich über die kleinen, alten Häuser und die restlichen Kirchentürme. Gleichzeitig ist er auch von vielen Orten in der Altstadt aus zu sehen und somit wichtiger Orientierungspunkt.

Dom zu Riga

In der Wintersaison erlangt die Stadt aber auch durch die Weihnachts- und Wintermärkte ihren Charme. Diese verteilen sich auf diverse Plätze in der Stadt, sind allesamt sehr traditionell gehalten und laden zum Erkunden ein.

Weihnachtsmarkt in Riga

An den vielen Buden gibt es neben Kleidung, Souvenirs und Snacks natürlich auch eines: Glühwein – und der ist auch bitter notwendig. Wer außerdem gern ein paar Schafe oder einen Esel streicheln oder sich auch einfach nur am Feuer aufwärmen möchte, der ist hier goldrichtig.

Beim weiteren Entdecken der Stadt fallen in erster Linie die bunten Lichtinstallationen zur Dekoration auf. Überall wo es sich anbietet werden Brücken, Bäume, Häuser und alles, was sich dafür eignet, illuminiert – aber stilvoll und ohne dabei überladen zu wirken. So kann man sich gut orientieren und es wirkt selbst nachts alles freundlich und einladend.

Insgesamt ist die Rigenser Altstadt also äußerst sehenswert! Die historische Atmosphäre, die trotzdem mit der Zeit geht, ist sehr pittoresk und lädt zum Flanieren ein. Definitiv der wichtigste Grund für einen Besuch in der Baltikumsmetropole!

Altes, Neues und Altes neu interpretiert – Riga kulinarisch

Was allerdings nun leider so gar nicht zum Flanieren einlädt, ist die anhaltende und abends noch intensivere Kälte! Zum Glück gibt es in der Innenstadt dutzende niedliche Restaurants, Bars und Pubs, die Wärme und Wärmendes zur Verfügung stellen. Na super! Auch hier spielt die Historie natürlich eine große Rolle und Riga kann sich über viele, sehr traditionsreiche Häuser freuen.

1221 Restorans Riga

Trotz Glühweins tagsüber war bald eine warme Malzeit gefragt. Wir entscheiden uns für eines der kleineren, dafür aber hochgelobten Lokale – das Domini Canes. Die mittelalterliche Atmosphäre fängt wohl kaum ein Lokal besser ein als dieses. Das setzt sich auch beim Essen fort. Man serviert einen relativ bunten Stilmix, der aber teils recht traditionell gehalten ist. Bei mir gibt es Fasan im Speckmantel mit allerlei Gemüse – lecker!

In Bezug auf die Esskultur lassen sich auch wieder wunderbar die modernen Elemente beobachten. Spannend ist, dass hier das Fastfoodangebot breiter ist als in Deutschland – z.B. mit einem T.G.I. Friday’s. Zum anderen wird auch im Fastfood wieder Geschichte mit modernen Konzepten kombiniert. Ein gutes Beispiel dafür ist das „Pelmeni XL“, wo sich die Leute nach den gefüllten Teigtaschen die Beine in den Bauch stehen!

Gut essen kann man also zweifelos! Aber für Riga gilt auch die Regel: Je weiter im Norden, desto interessanter wird der Alkohol. In Lettland gibt es eine umfangreiche Bierkultur! Ähnlich wie in den USA werden sehr viele Mikrobrauerein betrieben und bringen so eine sehr facettenreiche Vielfalt auf den Markt. Neben dem Bier ist auch der lettische Nationalschnaps „Balsam“ sehr beliebt. In Riga sind unzählige, niedliche und originelle Kneipen, Bars und Pubs entstanden. Offenbar ist die nähere Beleuchtung dieser Subkultur lohnenswert.

Empfehlung: Detaillierter in die Feinheiten der Rigenser Küchen blickt der Foodblog Sugar & Spice im Artikel „Kulinarischer Geheimtipp: Ein winterlicher Kurzurlaub in Riga„.

Beer & Balsam Tour – der lettischen Trinkkultur auf der Spur

Wir organisieren uns professionelle Hilfe und gehen auf die Craftbeer und Balsam Tour von „eat riga“. Mit unserem Guide Artūrs und einem netten Paar aus Finnland stürzen wir uns ins Nachtleben.

Pub Tour Riga

Für sehr moderate 25€ pro Person inklusive aller Getränke und Snacks sind reichlich 3 Stunden Unterhaltung, Kulturaustausch und natürlich jede Menge Bier und Balsam im Paket inbegriffen. Na dann wollen wir mal! Den ersten Stop machen wir im Aussie Backpackers Pub. Wie der Name schon sagt handelt es sich um eine Absteige für Rucksackreisende mit einer sehr rustikalen Bar auf den unteren Etagen!

The Aussis Backpackers Pub Riga

In vielerlei Hinsicht ist dies ein besonderes Etablissement. Direkt neben dem Eingang hat man die Bar. Diese ist allerdings keine einfache Bar, sondern in diesem alten Gemäuer liebevoll in einen VW Bully hineinkonstruiert!

VW Bully Bar im Aussie Backpackers Pub Riga

Wir kosten ein lokales, recht hochprozentiges Lager, von dem Artūrs meint, er würde es nicht oft trinken, weil es ihm immer zu sehr in den Kopf steigt, aber bei seinen Landsleuten sei es äußerst beliebt. Mit ersterem sollte er Recht behalten ;).

Beer in the Aussi Backpackers Pub Riga

Nach dem Pub werden wir in einen an und für sich recht unscheinbaren Eingang geführt – es geht direkt die Treppe runter in ein historisches Kellergewölbe und wir landen im Ala Pagrabs. In den verzweigten Gängen kann sowohl gespeist als natürlich auch getrunken werden. Die Deko ist speziell, aber stimmig.

In den Laden verirren sich kaum Touristen, dennoch ist er ziemlich voll. Aber nicht nur für Bierliebhaber ist die Bar mit ihren 28 verschiedenen Fassbiersorten (!) ein beliebtes Ziel, sondern auch für Partygänger, denn sie ist auch einer der beliebtesten „Folkklubs“ mit Livemusik der Stadt. Wir probieren ein vollmundiges Schwarzbier und gönnen uns dazu einen landestypischen Snack – gebratenes Schwarzbrot mit Knoblauch – passt super zum Bier.

Schwarzbier und Knoblauchschwarzbrot Ala Cellar Riga

Weiter geht es für uns in die nächste Lokalität, deren Name mir leider aufgrund der bereits fortgeschrittenen Tour entfallen ist :D. Auch hier geht es über mehrere Etagen, diesmal aber nach oben. Zunächst wird man unten von einer gut ausgestatteten, normalen Bar begrüßt.

Bar in Riga

Folgt man jedoch der kleinen Wendeltreppe nach oben, findet man eine detailverliebt eingerichtete Stube wie aus Omas Zeitenvo . Wir lassen uns nieder und probieren in dieser gediegenen Location abermals ein lettisches Schwarzbier – yummy. Eine sehr typische Erfahrung für Riga – hinter jeder Ecke gibt es was Neues, Spannendes und vor allem Unerwartetes!

Den krönenden Abschluss bildet das ebenfalls sehr gemütlich eingerichtete Shot Café. In dem urig-komfortablen Kellerlokal wird zwar auch Bier serviert, aber die Spezialität des Hauses ist der Balsam in allen Variationen. Pur, im Cocktail oder Longdrink, heiß oder kalt – hier ist Balsam Programm.

Unser Guide lässt den „Rīgas Melnais balzams“ – den schwarzen Balsam Rigas – als Shot serviern. Es handelt sich um einen stark konzentrierten, hochprozentigen (hauptsächlich) Kräuterschnapps mit Blüten und Beeren. Ein bisschen wie Jägermeister oder Underberg. Mein Fall ist es nicht, aber man kommt kaum drumrum, ihn hier mal zu probieren, denn er wird allenorts angeboten.

Die Tour kann man prinzipiell nur empfehlen – das Preis/Leistungsverhältnis ist super und man lernt eine Menge über Riga und Lettland im allgemeinen – nicht nur über den Alkohol. Allerdings sollte man schon einigermaßen trinkfest sein und nicht auf nüchternen Magen teilnehmen. Ansonsten warten vielleicht eher unangenehme Überraschungen am nächsten Morgen ;).

Wir für unseren Teil beenden den Abend mit einem Absacker-Cocktail in der Panorama Bar des Albert Hotels. Sie befindet sich im 11. Stock und bietet einen der schönsten Ausblicke über die Stadt.

Panorama Bar Albert Hotel Riga lounge

Geheimtipp im Baltikum – Fazit

Zugegeben, weder Riga noch Lettland hatten wir bisher so wirklich auf dem Schirm – schon gleich gar nicht über den Jahreswechsel. Umso unvoreingenommener waren wir zu Beginn unseres Besuches und wir wurden nicht enttäuscht. Riga ist eine beeindruckende Stadt, in der Jahrhunderte voller Hanse-Tradition auf eine junge Bevölkerung und moderne Einflüsse treffen.

Riga selbst strahlt eine angenehme Ruhe aus. Alles ist für eine mittelalterliche Stadt recht luftig gebaut – man hat also relativ viel Platz und gleichzeitig ist es lange nicht so überlaufen wie andere europäische Haupstädte. Insbesondere die Bar- und Kneipenszene lädt neben der historischen Altstadt zum Erkunden ein – und wartet mit etlichen Überraschungen und liebevollen Details auf.

Eine spannende Stadt! Auch wenn Anfang Januar dafür vielleicht nicht die beste Zeit ist … :D. Möglicherweise kommen wir im Sommer noch mal ins Baltikum, wenn es das ein oder andere Grad wärmer ist … und mal ne Stunde länger hell =). Dennoch: Wir können einen Besuch in der lettischen Hauptstadt wirklich sehr empfehlen!

Winter in Riga

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