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Paris: The Good, The Bad & The Ugly – Versuch eines ehrlichen Berichts

von Robert 26. Februar 2017 0 Kommentare

Muss es Paris sein?!

Wie jedes Jahr stellte sich auch 2016/2017 wieder die Frage: Was tun an Silvester?! Nach der inhaltlich tollen, aber bitterkalten Reise nach Lettland letztes Jahr war klar: Ein Kurztrip über den Jahreswechsel ist super, aber arktische Temperaturen müssen es nicht (schon wieder) sein. Als Alternativen bleiben diverse europäische Hauptstädte. Das zunächst ins Auge gefasste, sehr schöne Barcelona, war leider relativ schnell aufgrund von logistischen und preislichen Aspekten aus dem Rennen. Diese beiden Faktoren fielen hingegen bei einer anderen Option sehr günstig aus. Air Berlin fliegt ab Berlin-Tegel für rund 90€ direkt nach Paris-Orly und zurück und einigermaßen annehmbare Hotels liegen, zu meinem Erstaunen, mit ca. 80€ pro Nacht im Dreisterne-Doppelzimmer in der Pariser Innenstadt preislich im Rahmen.

Aber muss es denn Paris sein? Ja ich gebe es ja zu. Ich tue mich etwas schwer mit dem Gedanken. Wenn ich an Frankreich denke, denke ich an die Côte d’Azur … Montpellier, die Gegend um Monaco, St. Tropez … die Perlen der westeuropäischen Mittelmeerküste. Paris ist schon immer ein Mikrokosmos innerhalb Frankreichs gewesen und auch die ein oder andere Eigenart der lieben Franzosen kommt natürlich in der Hauptstadt mit besonderem Drang zur Geltung. Auch die teils nicht mehr ganz so freundliche Selbstverständlichkeit, mit der es die Franzosen zumeist ablehnen, in Fremdsprachen zu kommunizieren (sogar am Flughafen …), können durchaus dem Reiseansinnen abträglich sein. Ich komme zwar mit meinem schlechten Schulfranzösisch halbwegs um die Runden, aber Wohlfühlen ist was anderes.

In diesem Zusammenhang möchte ich gerne auf diesen grandiosen Artikel, erschienen auf Zeit Online, hinweißen: Ich war noch niemals in … Paris. Besonders die erste Seite fasst meine Haltung vor der Reise ziemlich gut zusammen ;).

Nun muss man auf der anderen Seite aber, unabhängig von allen Vorurteilen, auch vieles anerkennen. Paris ist unbestritten eine Hochburg europäischer Geschichte und Kultur. Die Stadt als solche ist bereits eine Attraktion, von einmaligen Museen, Kirchen und Denkmälern von Weltrang ganz zu schweigen. Kulinarisch reden wir, insbesondere bei Käse und Wein, natürlich ebenfalls von einem der führenden Zentren Europas und einer ganz eigenen Liga. Es gibt also zweifelsohne genügend Gründe, um die Stadt zu bereisen und sie ist ja auch nicht ohne Grund regelmäßig unter den meistbesuchten Städten weltweit.

Also die Vorurteile (?) über Bord schmeißen, in den sauren Apfel beißen und let’s get to France! Meine (zum Glück bereits sehr orts- und fließend sprachkundige) Reisebegleitung und ich verbringen über den Jahreswechel eine knappe Woche in der französischen Hauptstadt.

Organisation, Anreise und Unterkunft

Da Paris nicht nur eine der größten Städte Europas ist, sondern auch ein entscheidender Verkehrsknotenpunkt, ist die Stadt auf vielen Wegen direkt und günstig zu erreichen. Von Städten mit großen Bahnhöfen aus kommen durchaus ICE-/TGV-Verbindungen in Betracht. Günstiger und schneller dürften allerdings doch meist Direktflüge sein. Ab Berlin ist man mit ~100€ inkl. Gepäck dabei – je nach Buchungszeitraum. Da das Autobahnnetz in Frankreich recht zentralistisch auf Paris zugeschnitten ist, kann man auch mit dem PKW anreisen. Ob der teils grotesken Verkehrsverhältnisse in der Hauptstadt raten wir jedoch davon (ausnahmsweise) eher ab.

Wir entscheiden uns für die Anreise mit dem Flieger. Hier sei kritisch angemerkt, dass es Air Berlin auf Strecken um die 90 Minuten (und zu der gehört auch TXL-ORY) nicht mehr für nötig befindet, Snacks und Erfrischungsgetränke zu reichen … bzw. nur gegen Aufpreis – nicht mal für Statuskunden. Seriously?! Um drei Flaschen Cola zu sparen, wird der Service an Bord auf Easyjet-Niveau zurückgeschraubt? Das sind so einfache, kleine Sachen, die nicht viel kosten, aber beim Kunden einen guten Eindruck hinterlassen – Vier Minus, setzen. Zum Glück haben wir uns vor dem Boarding, Kundenstatus sei Dank, im „exklusiven Wartebereich“ mit Getränken versorgt. Der Flug an sich war aber angenehm und nach einer reichlichen Stunde bereits überstanden.

Man merkt Frankreich den Ausnahmezustand an. Vom Schengen-Abkommen hält man derzeit an den französischen Flughäfen nicht viel. Einfach nach dem Off-Boarding gemütlich reinschneien wie etwa in Spanien ist nicht, man muss auch als Europäer durch die Passkontrolle. Die Sicherheitsvorkehrungen sind gefühlt sehr hoch, es gibt viel Wachpersonal und auch Militär. Mit einem deutschen Pass hat man ganz gute Karten, nicht weiter kontrolliert zu werden, aber die Schlange für Reisende von außerhalb der EU war laaaaaang.

Da sowohl sehr zentrale Innenstadt-Hotels als auch AirBnB-Apartments (richtig geraten) sehr teuer sind, müssen Alternativen her. Man will schließlich nicht gern 250 € / Nacht für ein Viersterne-Hotel an der Seine bezahlen oder sich in ein kleines Apartment mit Fenster zum Hof quetschen. Da Paris über ein sehr gut ausgebautes Metronetz verfügt, ist es kein Problem, im äußeren Teil der Innenstadt unterzukommen. Hier ist die Preislage (je nach Buchungszeitraum und Angebot) bereits deutlich angenehmer. Wir steigen im „Hotel de la Porte Doree“ ab – einem urpariser Dreisterne-Haus etwas östlich des Zentrums.

Das Hotel und der Aufenthalt dort sind, für Paris-Verhältnisse, ordentlich. Bei Lichte betrachtet allerdings ergeben sich hier einige Fragen, auf die ich später noch eingehen werde. Aber man ist ja eh da, um sich mit der Stadt vertrauter zu machen und nicht mit dem Hotel … na denn mal los.

The Good: Eleganz, Hochkultur und Weltklasse-Essen

Das Stadtbild

Mein erster „echter“ Eindruck von Paris beginnt (von meiner Reisebegleitung strategisch sehr clever geplant) mit dem Erklimmen der Stufen der RER-Station am Boulevard Saint Michel, direkt neben dem Jardin du Luxembourg – einer der beeindruckenden Gartenanlagen von Paris. Der Ort ist für den Einstieg in die Materie gut gewählt! Überdeutlich schreit die Gegend „PAAARRRISSS!!“. Auf den ersten Blick sieht man mindestens drei Vertreter der ikonischen Pariser Café-Kultur. Jede Hausfassade ist eleganter als die nächste – kein Balkongeländer unverziert, keine Fenstereinfassung ohne Stuck. Jede Laterne ein Kunstwerk. Die Rue Soufflot hinunter schiebt sich das mächtige Panthéon – die Ruhmeshalle des französischen Volkes – ins Bild. Das alles neben einer mit 26 Hektar gigantischen und selbst im Winter wohlgepflegten Parkanlage. Wahnsinn!

Und dieser Eindruck setzt sich fort. Ja, der Stil variiert hier und da, auch durch die teils bewegte Geschichte mancher Gebäude durch die Jahrhunderte. Aber im Allgemeinen gibt sich das Stadtbild als solches in der Innenstadt nirgends eine wirkliche Blöße. Im Gegenteil – es ist geprägt von nicht zu übertriebener, aber auch nicht übermäßig zurückhaltender, dafür aber durchdringender Eleganz. Man sollte unbedingt die Augen offen halten und nicht den Blick für die Details verlieren. Da wirklich quasi jede Haustür eigentlich ins Museum gehört, ist man leider viel zu schnell geneigt, die ganzen kleinen Kunstwerke entlang des Weges zu ignorieren, die ich in dieser Dichte bislang nur in Paris erlebt habe.

Gerade auch im Herzen der Stadt, wo die Seine in ihrer gelassenen Kraft die Szenerie ergänzt und sich Paris rund um die beiden städtischen Flussinseln, vielleicht noch in das Glitzern der Mittagssonne getaucht, von seiner allerbesten Seite präsentiert – überaus elegant, aber doch noch mit einer Spur Understatement – kommt man nicht umhin, inne zu halten. Selbstbewusst tritt sie hier auf und hochverziert. Aber die Schwelle zum Protz überschreitet die Stadt im unmittelbaren Zentrum nicht. Eher ruft sie eine gewisse Ehrfurcht hervor, gepaart mit ein bisschen Demut vor dieser wirklichen Schönheit. Nicht umsonst wurde das Pariser Seine-Ufer 1991 zum Weltkulturerbe ernannt.

Aber das andere Paris gibt es auch – das übertriebene, protzige. Man findet es rund um die Place de la Concorde und inbesondere zwischen ihr und dem Arc de Triomphe. Hier erstreckt sich die wohl berühmteste Straße der Stadt – die Champs-Élysées. Gerade zur Weihnachtszeit ist alles geschmückt und in Szene gesetzt, was sich nur im Entferntesten dazu eignet. Kein Baum ohne Beleuchtung, kaum ein Gebäude nicht angestrahlt. Man spaziert nicht nur eine Straße entlang, die die Bezeichnung „Nobelmeile“ wohl mit Recht als Beleidigung auffassen könnte. Nein, man taucht ein in ein Lichtermeer und ein Erlebnis für die Sinne. Überall gibt es was zu hören, zu sehen, zu riechen – zu staunen.

Auch die Bewohner tragen selbstverständlich in erheblichem Umfang zum Bild der Stadt bei. Zum einen ist in Paris wirklich jeder bemüht, ein einigermaßen stimmig-elegantes Gesamtbild abzugeben, ohne dabei übertrieben auffällig zu wirken. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Pariser z.B. in Jogginghose nur mal schnell etwas einkaufen geht, tendiert gegen Null. Außerdem ist man bedacht darauf, möglichst keinen Anflug von Hektik aufkommen zu lassen, denn das wäre ja unschicklich. Wenn man es eilig hat, fängt man natürlich nicht an, hektisch zu rennen, allenfalls wird geringfügig zügiger flaniert. Stellenweise zugegeben etwas putzig, aber es hilft, der Atmosphäre eine selbstverständliche Ruhe zu verleihen, die für eine Millionenstadt äußerst angenehm ist.

Die Kultur

Neben der Stadt selbst gibt es in Paris unzählige Stätten der Hochkultur. Im Rahmen des Artikels selbst einen groben Überblick zu geben, wäre zuviel verlangt. Stattdessen seien exemplarisch einige Beispiele für weltweit einzigartige Sehenswürdigkeiten genannt, mit deren Besuch man keinesfalls etwas verkehrt macht.

Ziemlich weit vorne auf der Liste steht Notre-Dame! Das weltberühmte Wunderwerk der französischen Gotik auf der Île de la Cité ringt einem vom ersten Blick an Respekt ab. Das Bauwerk im Allgemeinen, aber die beiden knapp 70m hohen Türme im Besonderen sind bis in den letzten Winkel verziert und mit Figuren und Abbildungen bestückt, wo es nur geht. Besonders spannend jedoch ist die Vielschichtigkeit der Stile. Der eigentliche Bau hat sich ab Mitte des 12. Jahrhunderts fast 200 Jahre hingezogen und seitdem wurden immer wieder Restaurierungen, Veränderungen und Anbauten vorgenommen. So ein riesiges Bauwerk ist eben nie wirklich fertig. Besonders nachts, wenn die Fassade angestrahlt wird, wirkt die Kathedrale unglaublich majestätisch und elegant gleichermaßen und ist damit nicht nur in dieser Hinsicht ein Sinnbild der Stadt.

Besichtigen kann man auch das Innere der Kirche, sogar ohne Eintritt! Allerdings sollte man sich auf längere Schlangen durch die Sicherheitskontrollen gefasst machen. Taschen werden kontrolliert und ggf. kommt der Metalldetektor zum Einsatz – wie bei fast allen namhaften Attraktionen. Innen angekommen, sollte man im Blick behalten, dass es sich nach wie vor um ein katholisches Gotteshaus handelt, dass auch aktiv als solches genutzt wird, und sich entsprechend benehmen. Das riesige Kirchenschiff mit dem prunkvollen Hauptaltar und den vielen Nebenaltären überfordert fast ein wenig mit seiner schieren Größe, die der Detailverliebtheit aber mitnichten einen Abbruch tut. Wenn eine Messe stattfindet, kommt man sogar auch noch in den Genuss der imposanten Akustik. Ein Besuch in Notre-Dame sollte also in jedem Fall eingeplant werden.

Wer bei beeindruckenden Kirchen auf den Geschmack gekommen ist, dem sei ebenso das andere Ende der Palette ans Herz gelegt – die im Vergleich äußerst beschauliche Saint-Chapelle. Die kleine Kirche befindet sich nur wenige Gehminuten von Notre-Dame entfernt. Allerdings empfehlen sich hier Online-Tickets, denn die Schlange ist sonst unter Umständen laaaaang, und das zweimal. Da sich die Kirche innerhalb des Justizpalastes befindet, sind hier abermals flughafenähnliche Sicherheitskontrollen notwendig, um das Gelände zu betreten. Aber es lohnt sich, denn die Kapelle besteht gefühlt fast NUR aus Fenstern.

Die im Verhältnis zur kleinen Palastkapelle mit 12 Metern Höhe (!) riesigen Buntglasfenster stammen überwiegend noch, genau wie das Bauwerk selbst, aus dem 13. Jahrhundert und haben eine Gesamtfläche von 600m²! Das Erlebnis beginnt mit dem Betreten noch relativ demütig. In der unteren Etage der Kapelle lassen sich vor allem die Säulen und die Decke bewundern. Kleine Fenster geben einen groben Vorgeschmack auf das, was noch kommt. Wenn man richtig eingestimmt ist, geht man eine kleine, unscheinbare Wendeltreppe hoch in den Hauptraum der Kapelle. Wenn man Glück hat und die Sonne günstig einfällt, wird das zum wahren Erlebnis. Die Sonnenstrahlen werden von den abertausenden bunten Glasteilen in ein sinfonisches Schauspiel des Lichts verwandelt. Dieses ist derart facettenreich und übertrieben bunt, dass es fast zu einer neuen Farbe verschmilzt und ein tief beeindruckendes Bild abgibt. Das, fast schon beiläufig, auch hier alles wieder mit extremer Detailverliebtheit und wahnsinnig hohem künstlerischen Wert geschaffen wurde, versteht sich von selbst.

Auch unbedingt erwähnt werden sollte das Musée du Louvre. Das Museum von Weltrang beheimatet unzählige unschätzbar kostbarer Exponate, allen voran die milde lächelnde Mona Lisa von Leonardo da Vinci. Allerdings ist es auch derartig riesig, dass selbst ein ganzer Tag nicht annähernd reichen wird, um alles gebührend zu würdigen. Wir haben deswegen unseren Besuch auf das Außengelände beschränkt, denn auch das Gebäude als solches ist – wieder mal – ein Kunstwerk für sich. Die Architektur sucht dabei, gewagt wie selten in Paris, im bewussten Stilbruch den Brückenschlag zwischen Tradition und Moderne. Das stattliche Gebäude und die angrenzenden, weitläufigen Parkanlagen machen den Louvre auch ohne Besuch der Ausstellung zu einem lohnenden Spaziergangsziel!

Ein weiteres Highlight in Paris sind die Katakomben. Das Netz aus ehemaligen Steinbrüchen erstreckt sich auf einer Länge von geschätzten 300km kreuz und quer unter der Stadt. Da aufgrund verschiedener Faktoren, wie z.B. der französischen Revolution im Laufe des 18. Jahrhunderts, die Friedhöfe chronisch überfüllt waren, sah man sich gezwungen, die sterblichen Überreste von mehreren Millionen Franzosen in die Katakomben umzubetten. Einen kleinen Teil der Anlage kann man heute, ausgehend von der Place Denfert-Rochereau, besuchen. Dazu empfiehlt sich in jedem Fall die Buchung eines zeitgebundenen Online-Tickets, da die Schlange für den Einlass ansonsten mit mehreren Stunden Wartezeit einhergehen kann. Vor Ort bekommt man einen Audioguide, wahlweise auf Französisch, Englisch oder auch Deutsch, und kann sich so durch die Eingabe von Nummern an der entsprechenden Stelle informieren. Nachdem man eine nichtendenwollende Wendeltreppe hinabgestiegen ist, gelangt man in eine Art Vorraum, in dem zusätzlich Tafeln auf Französisch und Englisch über die Geschichte der Anlage Auskunft geben. Von da aus geht es ca. zwei Kilometer durch den Pariser Untergrund.

Der erste Teil des Weges beschäftigt sich dabei in erster Linie mit der Geschichte der Steinbrüche und der frühen Nutzung der Katakomben, sowie den archäologischen Aspekten. Den zweiten Teil sollte man moralisch und seelisch gefestigt betreten, denn hier sieht man hautnah die Nutzung als letzte Ruhestätte. Links und rechts des Weges sind die Gebeine Tausender Verstorbener aufgebaut und nach Knochenform sortiert. Unterwegs begegnen einem dabei auch diverse eindrucksvolle Impressionen, die man aber durchaus auch mit Unbehagen aufnehmen kann. Zum einen handelt es sich dabei um die Geschichte mancher Verstorbener oder auch bizarre Knochenformationen.

Zum anderen stellt man aber auch mit Bedauern fest, dass der touristische Aspekt bei manchen Besuchern dem Respekt durchaus überwiegt und Selfies oder sogar Krakeleien auf menschlichen Überresten öfter vorkommen. Fakt bleibt dennoch, dass man hier die Geschichte authentisch und hautnah erleben kann und so einen ganz anderen Blick auf die sonst so glitzernde Stadt bekommt. Ob man sich diesem Erlebnis aussetzt, muss jeder für sich entscheiden. Ich fand es sehr spannend und würde es unter den o.g. Vorbehalten empfehlen.

Die Ernährung

Wieder aus dem Reich der Toten aufgestiegen, widmen wir uns den lebensbejahenderen Themen :). Oh mein Gott – ja, das Essen! Ähnlich wie Italien oder Spanien gehört Frankreich zu den Ländern, wo auf die Qualität von Lebensmitteln deutlich mehr Wert gelegt wird als in Deutschland und das treiben die Pariser nochmal auf die Spitze. Sowohl die Rohprodukte als auch fertige Gerichte sind nicht nur frischer und qualitativ hochwertiger als die heimische Kost, nein, sie sind auch äußerst liebevoll zubereitet. Die Wahrscheinlichkeit, etwas auch nur annähernd Schlechtes zu essen zu bekommen, ist verschwindend gering – nicht zuletzt weil es den Nationalstolz eines jeden Franzosen zutiefst kränken würde, einem Gast ein Gericht vorzusetzen, dass auch nur den leisten Zweifel an der Raffinesse der hiesigen Küche zuließe.

Selbst jedes belegte Baguette vom Straßenkiosk ist mit Liebe gemacht und sieht immer frisch und zum Anbeißen aus – und so schmeckt es auch. Das Gleiche gilt auch für Leckereien vom Bäcker des Viertels (dort, wo die meisten Pariser anstehen ;)), wie z.B. herzhafte Quiches, Croissants oder süße Tartes. Alles ist gerade so gehaltvoll, dass es nicht zu Lasten der Bekömmlichkeit geht und der Genuss nicht zur Reue wird. Es bleibt immer eine gewisse Leichtigkeit beim Essen … und es ist doch sooooo lecker.

Als besondere Spezialität sei hier die Soupe à l’Oignon genannt – eine würzige Zwiebelsuppe, die mit Brot belegt und mit Käse überbacken wird. Ich bin zwar prinzipiell schwer für’s Überbacken, aber mit einer Suppe hätte ich es nicht probiert. Très bien, mes amis! Eine besonders leckere Variante gibt es im Übrigen, wie sollte es anders sein, im Café de Paris. Auch die Dessertkultur nimmt man überaus ernst. Neben Klassikern wie Mousse au Chocolat (zum Reinlegen!) hat es mir der sogenannte „Café Gourmand“ angetan – denn bei diesem muss man sich nicht für eine Nachspeise entscheiden. Nein, man bekommt stattdessen einen Espresso und eine Auswahl von kleinen, süßen Köstlichkeiten, die man nacheinander genießen kann. Doch, das „Savoir vivre“, das verstehen sie.

Eine Besonderheit stellt das Frühstück dar. Die Franzosen bevorzugen da eher die schmale Variante. Ein Croissant und ein Kaffee reichen im Regelfall. Wem (wie mir) eher ein etwas umfassenderes, herzhaftes, aber dennoch authentisch-französisches Frühstück lieber ist, dem sei geraten, eine wohlsortierte Crêperie aufzusuchen, wie etwa die „La Crêperie“ in der . Hier gibt es ein schönes Beispiel dafür, wie die lokale Küche den schmalen Grad zwischen gehaltvoller und dennoch verhältnismäßig leichter Ernährung hinbekommt: das Galette de Sarrasin. Es handelt sich quasi um eine Art Crêpe, aber aus Buchweizenmehl. Der wird dann, je nach Wunsch, mit allerlei leckeren, herzhaften Sachen gefüllt. Bei mir muss es der „Super Complete“ sein – mit Tomate, Schinken, einem Ei und selbstverständlich reichlich Käse. Man hat danach super gegessen, ist aber keineswegs zu voll!

Aprospos Käse. Da wir die Liebe der Franzosen zu jedweder Art von Käse teilen, nutzen wir diese kulturelle Brücke und nehmen an einer klassischen Käse + Weinverkostung teil. Diese findet in der alt-eingesessenen Käsehandlung „Paroles de Fromagers“ statt – einer wahren Institution ihrer Zunft. Geleitet wird das Event von Pierre, einem waschechten Pariser, der französischer nicht hätte sein können. Mit bewundernswerter Hingabe zum Detail führt er uns durch den Käsekeller und erläutert die Geschichte jedes einzelnen Produktes bis hin zum Namen der Kuh.

Die eigentliche Verkostung ist hervorragend strukturiert. Es geht nicht nur um den Käse als solchen, sondern um sogenannte „Pairings“ mit Wein. Man verkostet erst Käse und Wein jeweils getrennt und dann zusammen. Dann ergeben sich, je nach Kombination, völlig neue Geschmacksrichtungen – ein Erlebnis für die Sinne. Da wir als einzige das größere Paket gebucht hatten, durften wir noch drei weitere Kombinationen verkosten und vor allem den restlichen Käse (und das war Einiges!) mitnehmen. Damit war auch gleich das Abendbrot geklärt. Dazu noch ein Baguette und eine Flasche Rotwein – die vielleicht französischste Mahlzeit ever. Also was die Käsekultur angeht, stellt Paris wirklich so ziemlich alles in den Schatten, schon alleine aufgrund der Konzentration der hervorragenden Käseläden. Auf keinen Fall verpassen!

The Bad – Nicht zu genau hingucken! Mehr Schein als Sein?

Wow, geniales Stadtbild, Hochkultur an jeder Straßenecke und was das Essen angeht, lebt man wie ein König? Also ist Paris quasi die perfekte Stadt?! Nun … nein. Wie jede Großstadt hat auch die Metropole an der Seine ihre Schattenseiten. Paris ist in vielerlei Hinsicht die Essenz der französischen Kultur und eine Eigenart unserer lieben Nachbarn ist es auch, die Funktionalität gerne mal hinten anzustellen, solange irgendwas (auf den ersten Blick?) nur gut aussieht.

Als Beispiel nochmal ein kurzer Blick in unser Hotel. Wir residieren in einem klassischen, französischen Hotel mit solidem Drei-Sterne-Standard, welches seine Stadt hervorragend repräsentiert. Der erste Eindruck vom Zimmer ist folgender: Boah, ein barock anmutendes Gemälde in goldenem Rahmen über dem Bett. Schwere Antikholzmöbel, samtene Vorhänge und edle Teppiche auf dem Holzfußboden. Das macht was her … nicht schlecht. Aber so nach und nach bemerkt man dann diese kleinen Details, die sich zu immer größeren Widersprüchen addieren. Die Badtür klemmt ziemlich – liegt vielleicht daran, dass bei ihr kein einziges Spaltmaß stimmt. In den Ecken, die man nicht sieht, ist natürlich auch nicht geputzt. Das Wasser der Dusche ist ca. 10 Minuten lang warm und dann war’s das. Das wäre halb so wild, wenn man eine Heizung auf dem Zimmer hätte … wie, keine Heizung? Aber in Mitteleuropa ist es im Dezember doch kalt! Ja, ist es … aber man ist ja im Herzen Frankreichs, das sollte ja wohl reichen, um sich warm zu fühlen! Falls doch nicht, ist hier noch ein kleiner Ölradiator.

Dieses Bild setzt sich in der Stadt fort. Jede Laterne ist mit großer Kunstfertigkeit verziert, manche haben bronzene Sockel oder sogar Goldbeschläge. Das garantiert aber noch lange nicht, dass auch die Birne leuchtet. In den U-Bahn-Stationen hängen teilweise kronleuchterähnliche Lampen und die Werbeplakate sind in edlen Stuck eingefasst, aber jede dritte Kachel sitzt schief. Auf dem Wintermarkt besteht die Schlittschuhbahn nicht aus Eis, sondern aus Schnee, fährt sich zwar nicht gut – sieht aber mehr nach Winter aus.

Ähnlich sieht es leider auch bei den „Sicherheitskontrollen“ aus, die überall in der Stadt stattfinden. Das betrifft sowohl Touristenattraktionen wie Notre Dame, als auch staatliche Gebäude wie z.B. den Justizpalast oder einfach öffentlich zugängliche Sachen wie Einkaufszentren. Fast überall wird man „gebeten“, seinen Rucksack zu öffnen und ein gelangweilter Security-Mitarbeiter schaut mit halbem Auge drauf. Hin und wieder kommt noch ein Hand-Metalldetektor zum Einsatz, von denen jedoch keiner mein kleines, aber doch recht schweres DSLR-Metallstativ zum Anlass genommen hat, auszuschlagen.

Auch was sich z.B. unter dem Pullover im Rucksack befindet, hat nie irgendjemanden interessiert. Bei Gebäuden mit höherer Sicherheitsstufe hat man Kontrollen wie am Flughafen inklusive Durchleuchtung des Gepäcks. Allerdings ist der Herr am Scanner im Justizpalast buchstäblich fast eingeschlafen … wenn er jedes dritte Gepäckstück ernsthaft gesehen hat, war es viel. Das alles wirft die Frage auf: Geht es hier wirklich um die Erhöhung der Sicherheit oder mehr um die Schaffung eines sicheren Gefühls? Es drängt sich doch der Eindruck auf, dass man eher bestenfalls ein Zeichen setzen will, oder gar, schlimmer noch, darauf hinarbeitet, ein gewisses Unterwürfigkeitsgefühl zu erzeugen. Wenn man an einem Tag grundlos 10x kontrolliert wird, nur weil man im Louvre war und dann noch in größeren Läden shoppt, wirkt das wenig einladend.

Was in diesem Zusammenhang ebenfalls zur Verschäfung dieses Gefühls beiträgt, ist die beharrliche Weigerung der lokalen Bevölkerung, die englische (oder überhaupt irgendeine andere) Sprache als auch nur annähernd gleichwertige Kommunikationsform anzuerkennen. Selbstverständlich kann man von Touristen und Besuchern verlangen, sich mit den Gegebenheiten vor Ort, und dazu gehört auch die Sprache, im Verhältnis zur Aufenthaltsdauer, vertraut zu machen. Nur mutet es dann doch schon sehr merkwürdig an, wenn man sich auf der einen Seite als kulturelles Zentrum der Welt und wichtigster Verkehrsknotenpunkt Europas geriert und auf der anderen Seite aber (mit wenigen Ausnahmen) jedwede Form von Internationalisierung fürchtet.

Das geht soweit, dass selbst Personal an internationalen Flughäfen nicht in der Lage ist, adäquat auf Englisch zu kommunizieren. Das liegt auch weniger daran, dass die Pariser kein Englisch können. Der Großteil könnte sich vermutlich gut genug ausdrücken und verstehen, um die meisten Gespräche zu meistern. Das Problem ist eher, dass man die Meinung vertritt, man sei ja in Frankreich, wozu also was anderes als Französisch sprechen? Dazu kommt, dass man mit anderen Sprachen bei den Franzosen schnell ein gewisses Unsicherheitsgefühl auslöst. Man büßt in Fremdsprachen immer an Souveränität ein und macht sich angreifbarer – ein Angstszenario. Diese Angst muss man dem Gegenüber behutsam nehmen, indem man möglichst versucht, mit seinen Französischkenntnissen soweit zu kommen, wie es eben geht, und nur notfalls auf andere Kommunikationswege umzuschalten. Das wird einem der Pariser auch anrechnen, solange man ihm seinen Kultursockel lässt. Ein Phänomen im Übrigen, dass mir in dieser Ausprägung in Südfrankreich nie begegnet ist.

The Ugly – Hinter den Kulissen

Ich neige ja immer ein bisschen dazu, Locations und Leute am eigenen Anspruch zu messen. Und Boy, haben die Franzosen – und die Pariser im Besonderen – Anspruch. Zu behaupten, dass man in Frankreich seine Kultur als Geschenk Gottes an die Welt sieht, ist von der Wahrheit zumindest mal keine Meilen entfernt. So wird auch kein, auch nur einigermaßen, geeigneter Platz ausgelassen, um die in der französischen Revolution hart errungen Ideale zu feiern. An öffentlichen Gebäuden prangen sie gerne, oftmals gleich in goldenen Lettern – Liberté, Égalité, Fraternité. Ahhja, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit … klingt das nicht hervorragend? Schauen wir doch nochmal ein bisschen genauer hin.

Denn wenn man mit einem offenen Blick durch die Straßen geht und diesen mal von den goldenen Dächern auf die Straße richtet, fallen ein paar Dinge auf. So werden z.B. die „Low-Level-Jobs“, will sagen Zimmermädchen, Müllmann, Taxifahrer oder auch Rucksack-Checker im Kaufhaus, fast ausschließlich von schwarzen Franzosen durchgeführt. Auch wenn die Segregation in der Innenstadt nur auf den zweiten Blick sichtbar wird, so sind dennoch ziemliche Spannungen in der französischen Gesellschaft zu spüren. Im konservativen Milieu von Paris herrschen zunehmend Tendenzen vor, die eher in eine rechtsgerichtete Richtung gehen (wie in vielen Teilen Europas). Dem Gegenüber stehen dann die brodelnden Vorstädte, in denen ganze Bevölkerungsgruppen vom gesellschaftlichen Leben abgehängt sind. Alles in allem nicht sehr brüderlich, ne c’est pas?

Ein weiteres Problem sind in Paris die Obdachlosen, sogenannte Clochards. Diese bevölkern zu Tausenden die Stadt und scheinbar hat man nicht wirklich ein gutes Konzept, wie man mit ihnen umgeht. Vielmehr wird das Problem mit dem Verweis auf eine gewisse Sozialromantik weggelächelt. „Ach, für mich wäre es ja nichts – aber es hat ja auch seinen Reiz, so völlig frei zu sein und jeden Tag machen zu können, was man will, ohne Termine, ohne Verpflichtung“ … Liberté, quasi.  In einer der reichsten Städte der Welt führt das zu teils grotesken Szenen. Man spaziert über die Champs-Élysées, staunt am Rolex-Shop über die neue Day-Date für knappe 60.000€ und stolpert dabei – direkt unter dem Ladenschild mit der Krone drauf – über einen Obdachlosen. Aber das hat natürlich nichts mit Ungleichheit zu tun, denn es kann sich ja auch jeder Reiche unter das Rolex-Schild auf die Straße legen. Egalité francaise.

Natürlich ist keine Großstadt frei von negativen Aspekten. Aber auch kaum eine andere Stadt brüstet sich so sehr damit, kulturell, gesellschaftlich und stilistisch den Ton anzugeben, wie es Paris tut. Gemessen an diesem Selbstbild und dem unglaublichen Reichtum in der Stadt, kommt es in Paris einfach zu krassen Gegensätzen, die auf einer ernsthaften Spaltung der Gesellschaft beruhen. „Widersprüche muss man in Paris aushalten können“, hat man mir gesagt. Ja, das kann man tun. Man kann sich aber auch, ganz wie es die Franzosen immer fordern, an die lokalen Gegebenheiten anpassen und darüber mit einem leicht verächtlich-ablehnenden Ton die Nase rümpfen.

Fazit – Ich gebe es zu: Sollte man gesehen haben …

Und, war es nun schlimm? Nein … war es nicht. Ich bin ehrlich gesagt froh, dass wir die Reise gemacht haben. In Paris ist, wie in jeder Stadt, weder alles gut noch alles schlecht. Manche Vorurteile (auch die positiven wie z.B. hervorragendes Essen) haben sich durchaus bestätigt, andere wie z.B., dass alle Pariser unfreundlich und arrogant sind, wurden schnell widerlegt. Dafür sind andere Eindrücke hinzugekommen, etwa dass die soziale Schere in Paris noch viel weiter klafft als irgendwo in Deutschland.

In Erinnerung bleiben wird aber doch vor allem das Bild einer unglaublich eleganten Stadt, die jedoch nicht so wirkt, um den Touristen zu gefallen – sondern weil sie meint, es müsse genau so sein. Dazu kommt die klassische Lebensfreude, das „Savoir vivre“. Genießen, nicht hetzen! Gepaart mit dem ganz eigenen Stil der Bewohner, der zwar edel ist, aber nicht ohne Zurückhaltung und einer für eine Millionenstadt sehr relaxten, man möchte fast schon sagen mondänen, Atmosphäre, ergibt sich ein Aufenthaltserlebnis, dem Paris unverwechselbar seinen Stempel aufdrückt. Das ist es – das „Paris-Gefühl“. Und ja, ich gebe zu, ein Stück weit gewöhnt man sich daran – auch wenn mir das erst klar geworden ist, als mir in Tegel nach der Landung wieder die erste „Dame“ in Jogginghosen und Schlappen entgegenkam – das wäre in Paris undenkbar gewesen.

Obwohl die Stadt, wenn man genauer hinschaut, ihre kleinen und großen Macken hat, sollte man sich das Erlebnis nicht entgehen lassen. Es hat verdammt gute Gründe, dass Paris regelmäßig zu den meistbesuchten Städten der Welt gehört. Und ja, man kann in Paris leben wie der sprichwörtliche Gott in, nunja, eben Frankreich, wenn man zwei Bedingungen erfüllt: Man ist einigermaßen gut bei Kasse und spricht zumindest *halbwegs* Französisch. Defizite in diesen Faktoren werden das Erlebnis schmälern … und in der Kombination umso mehr. Für wen dies kein Problem darstellt, der wird eine beeindruckende Reise mit denkwürdigen Momenten haben.

Bon voyage!

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