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Wieviel Auto braucht die Landstraße?

von Robert 19. Mai 2014 0 Kommentare

Lange Geraden, sanfte Kurven und enge Kehren. Felder, Wiesen und Auen ziehen an einem vorbei, wahlweise gemütlich oder mit angemessener Dynamik. Für viele von uns gibt es wohl keinen besseren Ort, um schöne Momente mit einem Auto zu verbringen und ihm auf den Zahn zu fühlen, als die gute alte Landstraße.

Auch wir verbringen die schönsten Momente mit vielen Autos auf einsamen, gut asphaltierten Bundesstraßen. Doch wieviel Auto braucht man eigentlich, um nach einer stressigen Arbeitswoche richtig schön auf andere Gedanken zu kommen und sich von der Rückenlehne den Stress rausmassieren zu lassen?

Diese brennende Frage möchten wir in diesem Artikel ein wenig näher beleuchten.

Fahrzeugwahl

Zunächst sollten natürlich ein paar Bedingungen definiert werden, was die Landstraßentauglichkeit eigentlich ausmacht. Man kann aber wohl sagen, dass ein Auto hier nicht zu groß sein, ein gewisses Leistungsvermögen und eine dynamische Abstimmung haben sollte.

In unserem Fall schadet es außerdem nie, wenn es sich um deutsche Fabrikate handelt :D. Unter diesen Maßgaben haben wir uns drei Fahrzeuge mit unterschiedlichen Antriebskonzepten und Leistungsstufen herausgesucht und diese anständig durch das Erzgebirge getrieben. Natürlich alles aus rein journalistischem Interesse 8).

Es handelt es sich um je ein Exemplar aus München, Ingolstadt und Wolfsburg, die für ihre jeweilige Zunft und ihren jeweiligen Stall die Landstraßentauglichkeit unter Beweis stellen sollen.

BMW 335d, VW Golf GTI, Audi A4 Avant

BMW 335d xDrive VW Golf GTI Audi A4 3.0 TDI
Motor BiTurbo R6 Turbo R4 Turbo V6
Getriebe 8-Gang Sportautomatik 6-Gang DSG 7-Gang s-tronic
Leistung 313 PS 220 PS 245 PS
Drehmoment 630 Nm 350 Nm 500 Nm
Hubraum 2993 ccm 1984 ccm 2967 ccm
0-100 km/h 4,8 s 6,5 s 6,1 s

VW Golf GTI – der ambitionierte Freizeitsportler

So recht weiß man ja nicht was man vom Golf GTI halten soll. Auf der einen Seite ist er eine Legende. Der Metall, Glas und Gummi gewordene Traum ganzer Generationen von VW-Fans. Auf der anderen Seite bleibt jeder noch so scharfe Golf eben genau das – ein Golf. Der Inbegriff automobiler Biederkeit und mobilen Spießbürgertums. Wie geht wohl die siebte Generation des Wolfsburger Verkaufsschlagers mit dieser gespaltenen Persönlichkeit um?

VW Golf GTI Front

Der Ersteindruck ist sportlich. Die große Sportfrontschürze, die roten Stilelemente und die die Doppelauspuffanlage, umrahmt von der Diffusor-Heckschürze, tun viel dafür den GTI von einem biederen 0815-Golf abzuheben. Dieser Eindruck setzt sich im Innenraum fort, mit GTI-Emblemen, Sportsitzen und roten Nähten. Erwecken wir das Schaf im Trainingsanzug mal zum Leben :).

Auch hier ist der Ersteindruck sportlich. Für einen Vierzylinder klingt der 220 PS starke 2.0er Turbo-Benziner sehr kernig und überrascht, insbesondere bei den schnellen Schaltvorgängen des 6-Gang DSGs, mit seinem rotzigen Sound. Aber wie fährt er denn nun?

Golf VII GTI Heck

Erstaunlich knackig! Auch wenn man es dem Kleinen nicht ansieht, er ist doch ein kleiner Golf im Nicht-mehr-so-ganz-Schafspelz. Sofort fällt der auf rotzig getrimmte Motorsound beim Kaltstart und den ersten Gasstößen auf. Beim losfahren und hochbeschleunigen sortiert die 6-Gang Automatik ambitioniert und gierig nach Drehzahl die Gänge. Der Vortrieb ist für einen 2L Benziner auch unerwartet beachtlich.

Ebenfalls beeindruckt hat uns, dass der Golf als einziger Fronttriebler im Feld, trotzdem recht dynamisch um die Kurven geht und auch mal das Heck mitzieht, welches sich somit nicht ganz so Tod anfühlt wie bei einem Auto mit längerem Radstand und Vorderradantrieb, etwa dem Passat. Sehr positiv überrascht haben uns die Bremsen. Obwohl der GTI natürlich der leichteste im Feld war, haben seine Bremsen bis zum ersten Fade länger durchgehalten als die des Audi und des BMW.

Golf GTI VII Logo

Insgesamt hat uns der Golf mit seiner Sportlichkeit, seinem Vortrieb und seiner Dynamik doch sehr überrascht. Der weiße Giftzwerg aus Wolfsburg ist tatsächlich mehr als nur ein auf scharf gemachter Kleinbürgertraum – im Leistungsspektrum zwischen 200 und 250 PS ist er eine ernstzunehmende Größe – aufgrund seiner kompakten Dimensionen erst recht auf der Landstraße.

Audi A4 3.0 TDI – Der souveräne Dauerläufer

Sicherheit, Dynamik, solide Qualität – Premium mit einem Hauch Understatement. So sieht sich Audi und so wird die Marke auch von den Kunden gesehen. Kaum ein Fahrzeug aus der Modellpalette der Ingolstädter verkörpert den Anspruch wohl besser als der Mittelklassevertreter A4.

Doch gerade als Avant wird er eher wegen seiner praktischen Eigenschaften angeschafft. Der große Kofferraum mit seinen flexiblen Verstaumöglichkeiten, das Platzangebot und die Technik sind für Viele primärer ein Argument als die Sportlichkeit. Nichts desto trotz ist diese eine der größten Stärken der Herren der Ringe. Schafft der A4 den Spagat zwischen Familienkutsche und Hobbysportwagen?

Audi A4 Kühlergrill / Front

Die Voraussetzungen dafür sind gut. Der Audi wird von einem 3L V6-Turbodiesel angetrieben. 245 PS und 500Nm an Drehmoment sorgen, nach Überwindung des dieseltypischen Turbolochs, für beachtlichen Vortrieb. Zwischen 2000 und 4000 upm gibt es für den Sechsender kein Halten mehr. Insbesondere wenn das pfeilschnelle 7-Gang Doppelkupplungsgetrieben namens „S-Tronic“ die Kraft überträgt und der quattro-Allradantrieb diese auf der Straße verteilt.

Die Längsdynamik ist also definitiv konkurrenzfähig. Wie schaut es in den Kurven aus? Unser Exemplar kommt glücklicherweise komplett im S-Line-Dress daher. Entsprechende Schürzen und Spoiler sorgen für etwas mehr Windschlüpfrigkeit und das straffere, tiefergelegte S-Line Fahrwerk vermindert Wankbewegungen und die Dynamiklenkung ermöglich direkte Fahrmanöver – also auch sehr gute Bedingungen.

Audi A4 Avant 3.0 TDI quattro S-Line

Die Erwartungen enttäuscht der Audi nicht. Man kann auch mit hohen Geschwindigkeiten, sehr kontrolliert und eng durch kurven Fahren, ohne dass der A4 dabei wankt oder schwammig wird. Dafür ist aber insbesondere der quattro-Allradantrieb verantwortlich. Die Kraftverteilung ist immer nahe am Optimum. Die vier Reifen krallen sich in schnellen Kurven auf dem Gaspedal derart in die Straße dass das Fahrwerk die Karosserie förmlich hinterherzuziehen scheint.

Der Audi gibt dabei stets umfassende Rückmeldung über Optionen, Fahrbahnzustand und die Nähe zum Grenzbereich. Er bleibt immer gut kontrollierbar und obwohl man das ESP leider nicht komplett abschalten kann, so lässt der A4 doch eine Menge zu und greift erst dezent ins Geschehen ein, wenn es wirklich Richtung Grenzbereich geht. Löblich ist hier der Sportmodus der auch ein moderates Ausbrechen des Hecks ermöglicht.

Audi A4 Avant 3.0 TDI quattro S-Line Heck

Der A4 macht auf der Landstraße wahnsinnig Spaß. Das Drehmoment, die Schaltvorgänge im Zehntel-Sekundenbereich und die allzeit präsente quattro-Souveränität machen den unscheinbaren Kombi zur Allzweckwaffe. Er macht in jeder Lebenslage einen runden Eindruck und erledigt stoisch jedes gewünschte Fahrmanöver.

BMW 335d xDrive – Der Kraftprotz

Über Generationen hinweg hat der 3er mit seinem Image zu kämpfen. Als Prollschleuder verschrien wurde er auch von manchem BMW Enthusiasten mit Nichtbeachtung gestraft. Mit der aktuellen Baureihe F30 rückt der Mittelklassebayer ein gutes Stück in Richtung des größeren Bruders 5er. Er ist erwachsen geworden. Etwas größer, etwas breiter, innen etwas wertiger. Allerdings damit natürlich auch etwas schwerer und behäbiger.

BMW 335d xDrive (F30) Emblem

Leider handelt es sich bei dem von uns getesteten 3er „nur“ um die Sportausführung, aber leider nicht mit M-Paket. Dass das bitter nötig gewesen wäre, verraten die sonstigen Daten. Angetrieben wird der 335d von einem 3L BiTurbo-Reihensechszylinderdiesel mit 313PS und gigantischen 630Nm Drehmoment! Da auch der letzte 335d mit Heckantrieb und seinen 580Nm vor Kraft kaum laufen konnte, wundert es nicht, dass es den F30 35d nur mit dem xDrive-Allradantrieb gibt. Garniert wird das Setup von der 8G-Automatik.

Diese Werte verhelfen dem Dieseldampfhammer zu aberwitzigen Beschleunigungswerten. Die relativ unscheinbare Mittelklasselimousine katapultiert die Insassen in 4,8 Sekunden auf 100 km/h und ist damit genauso schnell wie der M3! Zum Vergleich, der Benziner 335i braucht 5,5 Sekunden. Anzug und Durchzug suchen bei den Diesellimousinen in dem Segment einfach ihres gleichen. Natürlich genehmigt sich der 3er dann auch für Dieselverhältnisse relativ viel Sprit, aber wenn man Benziner mit ähnlichen Fahrleistungen damit vergleicht, ist es immer noch lächerlich wenig.

BMW 335d xDrive (F30) Seitenlinie

Leider kann der 3er diese Performance nicht in die Kurven bringen. Die Lenkung ist relativ weich und indirekt und das Fahrwerk ist ziemlich schwammig. In Kombination mit dem zum Untersteuern neigenenden xDrive-Antrieb ist der 3er nicht gerade der größte Kurvenräuber. Man muss vor der Kurve stärker bremsen, dann (im Vergleich zum A4) relativ langsam durchfahren und dann wieder kräftig hinausbeschleunigen, was der 3er natürlich gut kann.

Der 335d xDrive sollte in jedem Fall mit M-Paket geordert werden. Ein straffes Fahrwerk und eine direkte Lenkung sind einfach Pflicht, damit der BMW die Vorlage die der bärenstarke Motor liefert auch in ein sportliches Fahrerlebnis verwandeln kann. In unserer Konfiguration verschenkt er leider viel von seinem Potential und hinterlässt somit einen zwiegespaltenen Eindruck. Fahrleistungen, die von einem Diesel in der unteren Mittelklasse bis dato unvorstellbar waren, aber in der Kurve wanken wie ein 320d in Warmlandausführung passt leider nicht so gut zusammen.

BMW 335d xDrive (F30)

Man ist hinterhergerissen zwischen „woowwww“ und „och neee … echt jetzt?“. Nichtsdestotrotz beeindruckt der 335d durch seine schiere Kraft und deren kompromissloser Entfaltung. Wer rechtzeitig vor der Kurve in die Eisen steigt und nicht zu früh wieder aufs Gas geht wird aber auch mit diesem Manko leben können und auf der Landstraße des Öfteren mit einem breiten Grinsen anzutreffen sein.

Fazit

Den „König der Landstraße“ zu krönen ist nicht so einfach wie es sich anhört. Da in unserem Test jeder Vertreter eine ähnlich gute Figur gemacht hat, kommt es hier auf die individuellen Vorlieben an.

Wer gerne wendig um die Kurven räubern möchte ist natürlich mit dem Golf GTI gut beraten. Trotz Frontantriebs handelt er enge Abbiegungen und langgezogen Kurven gleichermaßen agil und wendig.

Audi A4, Golf GTI, BMW 335d

Mit dem 3er ist gut beraten, wer in erster Linie auf Vortrieb schielt. Die 630Nm des BiTurbo-Diesels drücken einen stellenweise derart in den Sitz das alles zu spät ist.

Den besten Allrounder stellt zweifelsohne der A4 da. Er schafft den Spagat zwischen Sportlichkeit, Dynamik und Alltagstauglichkeit. Sowohl im Vortrieb als auch in der Kurvenlage lehrt er 3er und GTI das ein- oder andere Mal das Fürchten und ohne dabei der Lückenfüller zu sein. Sowohl vom Fahrzeugkonzept her als auch für Landstreckentauglichkeit ist der A4 der ausgewogenste Kandidat für den kompromissbewussten Fahrer.

Jedes Auto hat uns auf seine Weise beeindruckt und uns allen jeweils im kurvigen Erzgebirge viel Spaß gemacht. Für welchen man sich entscheidet muss jeder selber wissen, denn es haben alle ihre Vor- und Nachteile. Wir wünschen bei der Wahl des Spaßgeräts ein glückliches Händchen und natürlich viel Spaß auf der Landstraße :).

Video

Um die Eindrücke aus dem Artikel mit einigen bewegten Bildern zu untermauern, haben wir noch einige Fahrsequenzen zu einem kleinen Vergleichsvideo zusammengeschnitten.

Viel Spaß!

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